• Und was wir daraus lernen können.

Wenn wir heute das Wort „Märtyrer“ hören, haben wir meist ein bestimmtes Bild vor Augen.

Wir sehen Stephanus vor uns, der unter einem Hagel von Steinen zusammenbricht. Wir denken an die Christen in den Arenen Roms, die den Löwen vorgeworfen wurden. Wir erinnern uns an Polykarp von Smyrna, der auf dem Scheiterhaufen verbrannte, weil er sich weigerte, seinen Herrn zu verleugnen.

Das ist das Bild, das wir im Kopf haben. Und es ist auch richtig.

Doch das Wort „Märtyrer“, das haben wir bereits an anderer Stelle ausführlich erklärt, kommt aus dem Griechischen (μάρτυς, martus) und bedeutet schlicht „Zeuge“ . Ein Märtyrer ist also jemand, der von seinem Glauben an Jesus Christus Zeugnis ablegt – und zwar ein Zeugnis, das den eigenen Tod kostet oder in Kauf nimmt. Er spricht nicht nur mit Worten, sondern besiegelt sein Zeugnis mit seinem Blut.

Und genau diese ursprüngliche Bedeutung führt uns nun zu einer überraschenden Frage:

Wer war überhaupt der erste Märtyrer?

Die meisten würden sofort Stephanus nennen, dessen Geschichte in der Apostelgeschichte (Kapitel 7) steht. Und tatsächlich gilt er allgemein als der erste Märtyrer der Christenheit.

Aber wenn wir noch genauer hinschauen – noch weiter zurückgehen – dann stoßen wir auf eine ganz andere Gestalt: Keinen frommen Prediger. Keinen Apostel. Keinen Bischof. Sondern einen Verbrecher.

Die Rede ist vom Schächer am Kreuz, von dem das Lukasevangelium in Kapitel 23, Verse 40 bis 43 berichtet. Denn dort treffen wir auf zwei Männer, die mit Jesus gekreuzigt wurden – die sogenannten Schächer. Das Wort „Schächer“ ist ein altes deutsches Wort und bedeutet einfach „Räuber“ oder „Verbrecher“. Es bezeichnet die beiden Übeltäter, die zusammen mit Jesus hingerichtet wurden.

Während der eine Schächer Jesus noch in seiner Todesstunde verhöhnt, kommt es beim anderen zu einem Moment der Buße. Er erkennt Jesus als unschuldig und bekennt sich zu ihm als seinen Herrn und König indem er Ihn bittet: „Gedenke an mich, wenn du in dein Königreich kommst!“

Dieser reuige Schächer stößt uns damit auf eine tiefe Wahrheit: Er legte sein Glaubenszeugnis ab, noch während er am Kreuz hing. 

Dieser Schächer starb nicht für seinen Glauben – er starb mit seinem Glauben.

Manche könnten jetzt einwenden: „Aber er war doch gar nicht getauft!“ Das stimmt, der Schächer wurde nicht mit Wasser getauft. Aber er wurde mit seinem eigenen Blut getauft die: Bluttaufe (Mehr darüber in unserem Buch Über die Taufe). Die frühen Christen lehrten, dass die Bluttaufe - das Martyrium, das Hingeben des eigenen Lebens für den Glauben - die Wassertaufe ersetzt:

Daß aber die mit ihrem eigenen Blute Getauften und durch ihr Leiden Geheiligten vollendet werden und die Gnade der göttlichen Verheißung erlangen, das zeigt der Herr ebenfalls deutlich im Evangelium, wenn er zu dem Schächer spricht, der noch im Leiden gläubig wird und bekennt, und ihm verheißt, er werde mit ihm im Paradiese sein.

Cyprian von Karthago (200-258)  Epistulae  Briefe (BKV), 73. Brief, 22. Kapitel

Und damit wurde er zum Zeugen. Zum Zeugen dafür, wer Jesus ist. Zum Zeugen dass Gott Herr über Zeit und Tod ist, dass ein gekreuzigter Verbrecher Buße tut, und dass Er aus dem tiefsten Fall noch den höchsten Sieg holen kann.

Wenn ein Märtyrer ein Zeuge während seines Sterbens ist – dann war dieser Schächer am Kreuz ein Märtyrer.

Ja, er war sogar der erste.

Ein Schächer. Gekreuzigt neben Jesus. Der im Sterben den Herrn erkannte, Buße tat und sich zu Ihm bekannte. Und so vor allen Anwesenden im Todeskampf ein Zeugnis ablegte.

Auch die frühen Christen nennen den Schächer im selben Gedanken mit den Märtyrern. So schreibt etwa Chrysostomus:

Auch der Schächer erwirkte sein Eingehen in das Paradies nicht in einer langen Zeit. Sondern so lang als einer braucht, um ein Wort auszusprechen, so viel nur bedürfte er, um die Sünden seines ganzen Lebens abzuwaschen, und noch früher als die Apostel den Preis der Auserwählung zu erlangen. Ebenso sehen wir, daß die Märtyrer nicht in vielen Jahren, sondern in wenigen Tagen, und oft auch an einem einzigen Tag die herrlichen Kronen errungen haben.

Johannes Chrysostomus (344-407)  Ad Theodorum lapsum I  Erster Brief an Theodor (BKV), 6.

In der späteren Kirche bekam er den symbolischen Namen Dismas und wurde sogar als Heiliger verehrt.

Der Schächer am Kreuz