Die Tafelbibel ist nach ihrem Übersetzer Dr. Leonhard Tafel (1800–1880) benannt. Er wollte für die deutschsprachige Christenheit eine besser übersetzte Bibel herausbringen als alle bisherigen davor. Dazu wurde er laut eigenen Angaben von mehreren Menschen ermutigt und von zweien seiner Söhne, Dr. Rudolf L. Tafel, Pastor einer englischen Gemeinde in London, und Ludwig H. Tafel, Pastor einer deutschen Gemeinde in Philadelphia, tatkräftig unterstützt. Er wollte die Heilige Schrift „nach ihrem wahren Wortlaut“ vorlegen und konzentrierte sich dabei auf die treue Wiedergabe der Sinnzusammenhänge, Namen und Begriffe der Ursprachen - so wie er sie im 19. Jahrhundert verstand. Hier ein Auszug aus dem von ihm selbst geschriebenen Vorwort:
Ich trug kein Bedenken, dem Verlangen nach einer vollständigen Sammlung der in der lutherischen Bibel enthaltenen Schriften zu entsprechen, und werde vielleicht zu einer späteren Auflage noch weitere Schriftstücke der griechischen Bibel (das dritte und vierte Buch der Makkabäer, sowie das sogenannte dritte Buch Esra) beigeben. Ich ging von Luther darin ab, daß ich die Apokryphen, welche teilweise aus hebräischen Urtexten ins Griechische übertragen, teilweise ursprünglich in griechischer Sprache verfaßt sind, aus dem griechischen Text übersetzte, wogegen Luther lateinischen Bearbeitungen dieser Texte den Vorzug gab.
Was die Frage selbst betrifft, ob überhaupt die Apokryphen in die Bibel aufgenommen werden sollten oder nicht, so bejahen wir sie unbedingt. Sie gehören allerdings nicht zu den Matth.22/40, Luk.16/29,31, vom Herrn Selbst beglaubigten inspirierten Schriften des Wortes Gottes, die einen fortlaufenden inneren Sinn in sich schließen, enthalten aber einen reichen Schatz von geistigen Wahrheiten, die entweder Erbstücke früherer Weisen oder vielleicht Aussprüche von Lehrern und Propheten, jedenfalls von frommen, gottesfürchtigen Männern sind.
Mit „der griechischen Bibel“ meinte Leonhard Tafel die Septuaginta, die er also als Grundlage für die Übersetzung der Apokryphen heranzog. Für den Rest des Alten Testaments zog er aber den hebräischen Masoretentext heran. Im Neuen Testament verwendete er den überlieferten griechischen Grundtext, den sogenannten Textus Receptus. Ungewohnt ist, wie er das Alte Testament in zwei Teile trennte, sodass seine Tafelbibel mit dem Neuen Testament am Ende aus drei Bänden bestand. Und auch im Neuen Testament nahm er unorthodoxe Umstellungen vor. Er erklärt das so:
Was die äußere Anordnung der Bibel anbetrifft, so erscheint dieselbe in drei Bänden, welche in beliebiger Weise zusammengebunden werden können. Im ersten Band sind alle diejenigen Schriften enthalten, von denen der Herr (Luk.24/44) sagt, daß sie von Ihm Selbst handeln und folglich das Alte Testament im eigentlichsten Sinn ausmachen, nämlich “Moses Gesetz, die Propheten und die Psalmen”. Der zweite Band enthält die übrigen, sogenannten Hagiographen oder heiligen Bücher: die Bücher Hiob, Sprichwörter, Hohelied, Prediger, Ruth, Chronika, Esra, Nehemia, Esther und die Apokryphen. Im dritten Band, enthaltend das Neue Testament, sind die Evangelien und die Offenbarung, als Schriften durchgängiger Inspiration, d.h. göttlicher Eingebung, der Apostelgeschichte und den Briefen der Apostel vorangestellt.
Für Dr. Leonhard Tafel sind also nicht alle Bücher des Neuen Testaments von Gott inspiriert und schon gar nicht alle im Alten. Wie auch immer man zu seinem Urteil und theologischen Hintergrund stehen mag, so muss man doch anerkennen, dass er bei all seinen tendenziösen Herangehensweisen eine erstaunlich wortgetreue, wenig tendenziöse Übersetzung ablieferte - ganz im Gegensatz zu anderen Übersetzern vor und nach ihm.
1911 brachte der Sohn Ludwig H. Tafel die dritte Ausgabe heraus, die nur noch aus dem ersten und dritten Band besteht. Das heißt, es fehlen im Alten Testament die Bücher
- Hiob,
- Sprichwörter,
- Hohelied,
- Prediger,
- Ruth,
- Chronika,
- Esra,
- Nehemia,
- Esther
- und die Apokryphen.
Heute ist die Tafelbibel gemeinfrei, aber nur noch in ihrer dritten Ausgabe von 1911 erhältlich. Aufgrund ihrer Unvollständigkeit wird sie dem einst ambitionierten Ziel von Leonhard Tafel nicht mehr gerecht. Aber aufgrund ihrer kostenlosen Nutzbarkeit und dem Umstand, dass sie eine der wenigen Textus Receptus-Bibeln ist, mag sie für das Neue Testament eine sprachlich durchaus interessante Option und Ergänzung zu anderen Bibeln sein.