• Und warum die meisten sich in dieser Frage irren
Christus am Kreuz, gemalt von Tizian
Christus am Kreuz, gemalt von Tizian

Es ist vollbracht?

Auf diesen Beitrag habe ich seit seiner Veröffentlichung mehr Rückmeldungen erhalten, als auf jeden anderen zuvor. Eine Rückmeldung davon hat mich nicht nur auf dem richtigen Weg bestätigt, sondern mich noch tiefer in die Schrift und das Wortverständnis zur Zeit Christi eindringen lassen. Diesen wunderbaren, vertiefenden Einblick möchte ich hier noch als Anhang hinzufügen.

Laut dem Apostel und Evangelist Johannes waren Jesu letzte Worte am Kreuz: 

Es ist vollbracht! (Joh 19,30)

So steht es in allen unseren Bibeln.

In Wirklichkeit aber sagte Jesus keine drei Wörter sondern nur eines: Τετέλεσται (tetelestai).

Heute sind sich ausnahmslos alle Bibelübersetzer darin einig, dass man das griechische Wort „tetelestai“ in seine Einzelteile zerlegen und diese wörtlich übersetzen sollte, sodass am Ende „Es ist vollbracht“ herauskommt.

Wie zielführend es aber ist, dass man ein zusammengesetztes Wort immer in seine Einzelteile zerlegt und dann wörtlich übersetzt, kann sich jeder ausmalen, der das bei Wörtern wie „butterfly“, „dragonfly“, „Leberkäse“, „Palmkätzchen“, „Engelmacherin“ oder „Vatermörder“ versucht. Es wird mit Sicherheit etwas anderes dabei herauskommen als die jeweiligen Mutterspachler darunter verstehen. Das betrifft auch griechische Wörter aus der heiligen Schrift. Wir haben das beispielsweise schon bei dem Wort Evangelium behandelt.

Um ein Wort treffend von einer Sprache in eine andere zu übersetzen, muss man es normalerweise gar nicht in seine Einzelteile zerlegen, auch nicht zwangsläufig die Wortwurzeln suchen, sondern zuallererst einmal ergründen und verstehen, wie die Muttersprachler es in der historischen Zeit und Region, wo dieses Wort geschrieben wurde, verwendeten und meinten. Dann wird man rasch feststellen, dass

  1. „butterfly“ keine „Butterfliege“ ist, sondern ein Schmetterling.
  2. „dragonfly“ keine „Drachenfliege“ ist, sondern eine Libelle.
  3. „Palmkätzchen“ keine Katze ist und auch nichts mit Palmen zu tun hat, sondern der Blütenstand der Sal-Weide ist.
  4. „Leberkäse“ zwar etwas zum Essen ist, aber weder Leber noch Käse beinhaltet.
  5. „Engelmacherin“ im 19. und 20. Jh eine Frau meinte, die illegal Abtreibungen vornahm.
  6. „Vatermörder“ kein Verbrecher ist, sondern ein spezieller Teil eines Herrenhemdes, nämlich der hohe, steife Stehkragen.

Man sollte sich also nicht auf das Wort und seine Einzelteile konzentrieren - schon gar nicht aus der Sicht von Jahrtausenden später - sondern auf die Menschen, die es in ihrer Muttersprache zu der jeweiligen Zeit am jeweiligen Ort gebrauchten. Macht man das bei tetelestai, so entdeckt man einen äußerst aufschlussreichen Gebrauch dieses Wortes genau in der Region und zu der Zeit, wo Jesus Christus, die Apostel und alle anderen frühen Christen lebten:

  • Man fand in den Papyri von Oxyrhynchos (einer berühmten Sammlung hunderttausender Papyri) eine Fülle von Alltagsdokumenten. Dort taucht genau das Wort tetelestai immer wieder in Steuerquittungen auf, um anzuzeigen, dass die Zahlung vollständig eingegangen und die Steuerschuld für diesen Posten beglichen ist (P.Oxy. 1041 aus dem 1. Jh. n. Chr.; P. Oxy. 49.3472, 2.–3. Jh. n. Chr.; P. Oxy. 43.3316, 3. Jh. n. Chr.).
  • Die Heroninos-Archive (eine Sammlung von Papyri aus dem 3. Jahrhundert n. Chr.) bietet einen detaillierten Einblick in die Verwaltung eines großen landwirtschaftlichen Gutes. In diesen Geschäftsaufzeichnungen wurde tetelestai systematisch in Abrechnungen verwendet, um zu vermerken, dass eine Rechnung beglichen, eine Lieferung abgeschlossen oder eine Zahlung vollständig geleistet wurde.
  • Auch in anderen antiken Dokumenten (P. Flor. 1.61, P. Oxy. 14.1672, P. Fay. 110) wird der Begriff tetelestai im wirtschaftlichen Kontext verwendet auf Rechnungen, Schuldscheinen, Mietdokumenten und in Bankbüchern. Es bestätigte dabei stets die vollständige Bezahlung einer Geldschuld.

Dieses Wort tetelestai, das Jesus am Kreuz sagte, war also kein kryptischer Ausspruch im Sinne von „es ist vollbracht“ wo jeder Theologe und Bibelausleger seither selbst herausfinden möge, was der Herr mit „es“ überhaupt konkret meinte. In Wahrheit war tetelestai ein gängiges, profanes, alltägliches Wort aus der Geschäftswelt, das jeder Mensch kannte, der je eine Steuer- oder andere Geldschuld hatte und diese vollständig beglich. Jesus sagte, in einem einfachen Wort ausgedrückt, sehr konkret und für alle damaligen Muttersprachler klar verständlich: „bezahlt“.

Und damit schließt sich der Kreis unserer Betrachtung des Wortes Erlösung und was es mit dem brutalen Kreuzestod Christi auf sich hat: Jesus hat das Lösegeld für alle Menschen mit Seinem Martyrium und Blut vollständig bezahlt.

Oder wie es Paulus ausdrückte:

Er hat den gegnerischen Schuldschein, der mit seinem Inhalt gegen uns lautete, vernichtet und gelöscht, indem er ihn ans Kreuz geheftet hat. (Kol 2,14 GB)