Das Wort despotes kommt 10 mal im griechischen Original des Neuen Testaments vor und ist daher biblisch.
Es kommt allerdings nicht nur 10 mal im NT vor, sondern auch über 30 mal im griechischen Alten Testament, der sogenannten Septuaginta (LXX).
Das griechische Wort despotes (δεσπότης, G1203) war der offizielle Titel, mit dem Sklaven ihren Eigentümer ansprachen und sich ihm unterwarfen. Im antiken griechischen Sprachraum war das ein derart autoritärer Herrschaftstitel, dass moderne Gelehrte heute gerne behaupten, die Griechen hätten ihn allen außer den Göttern verweigert. Doch die Apostel widerlegen diese Behauptung. Sie gewähren den Titel wie selbstverständlich auch Menschen, sogar ihren Glaubensbrüdern:
Petrus:
IHR Sklaven, seid mit aller Furcht euren Herren untertan, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den verkehrten!
Paulus:
ALLE, die als Sklaven unter dem Joch sind, sollen ihre Herren aller Ehre wert halten, damit nicht der Name Gottes und die Lehre gelästert wird. Die aber, welche gläubige Herren haben, sollen sie nicht geringachten darum, weil sie Brüder sind, sondern ihnen noch mehr dienen, weil es Gläubige und Geliebte (Gottes) sind, die sich des Wohltuns (gegen ihre Sklaven) befleissigen. Dies lehre und dazu ermahne!
Sklaven ermahne, ihren Herren untertan zu sein, in allem ihnen wohlgefällig zu sein, nicht zu widersprechen, nichts zu entwenden, sondern alle gute Treue zu erweisen, damit sie der Lehre Gottes, unsres Heilandes, in allen Stücken zur Zierde gereichen.
Dort, wo in unseren Bibeln „Herren“ steht, schrieben Petrus und Paulus original das griechische Wort despotes (im Plural despota)! Es sind Anweisungen an die Sklaven in den christlichen Gemeinden. Die Apostel geben dabei eindeutig Menschen - und zwar Besitzern von Sklaven - den Titel despotes. Damit gewähren die Apostel aber nicht nur diesen autoritären Titel ihren christlichen Brüdern, sondern auch die damit verbundene Macht! Und weil die Apostel hier so einmütig und unaufgeregt den Titel despotes in der Mehrzahl despota verwenden, bezeugen sie uns damit, dass es kein Einzelfall war, keine Ausnahme, sondern normal, dass Brüder Sklaven besaßen und beherrschten und diesen Titel despotes zu Recht trugen. Ja, die Apostel steigern sogar noch die Macht dieser christlichen despota in ihren Gemeinden, wenn man sich vor Augen führt, welche Pflichten sie den Sklaven auferlegen: Die Sklaven sollen sich vor ihren despota fürchten und ihnen untertan sein, nicht nur den guten! Und sie sollen den gläubigen despota sogar noch devoter dienen als den ungläubigen, ohne zu widersprechen. Die Apostel verlangen absolute Unterwerfung der Sklaven unter ihre „Herren“ in den Gemeinden. Und genau das drückt der Titel despotes aus. Bevor wir uns ansehen, wie treffend unsere Bibeln ihn mit „Herr“ bzw. „Herren“ übersetzen, will ich noch zwei andere wichtige Fragen klären und vertiefen.
Frage 1: Wieso haben Petrus und Paulus den Titel despotes Menschen gewährt, obwohl heutige Sprachexperten behaupten, dass er damals nur Göttern vorbehalten war?
Ganz einfach: Weil die Apostel nicht auf heutige Experten hörten, sondern auf die Alten, die Jahrhunderte vorher die Septuaginta schrieben! Und dort wird der Herrschaftstitel despotes wie selbstverständlich auch Menschen gegeben:
Die Sprüche Salomos:
Ein vernünftiger Haussklave wird törichte Herren beherrschen, und unter Brüdern wird er die Anteile verteilen.
Spr 17,2 LXXD
Reiche werden Arme beherrschen, und Haussklaven werden den eigenen Herren leihen.
Spr 22,7 LXXD
Liefere einen Sklaven nicht in die Hände des Herrn aus, damit er dich nicht verfluche und du verschwindest.
Spr 30,10 LXXD
Erneut befindet sich an den fett markierten Stellen im griechischen Originaltext das Wort despotes. Und im Buch Judit gönnt die Septuaginta dem Heerführer Holophernes sogar viermal den Titel despotes (5,20.24;7,9.11)! Der griechische Titel despotes wurde also nachweislich Menschen gewährt von zeitgenössischen griechischen Gelehrten und Muttersprachlern des Alten Testaments. Die Septuaginta Deutsch übersetzt diesen Titel an allen genannten Stellen leider genauso nur mit „Herr“ (bzw. im Plural „Herren“) wie unsere Bibeln es im Neuen Testament tun. Für die Apostel war despotes aber weder ein Fremdwort, noch ein höflicher Gruß jedes Mannes, mit dem man per Sie ist, wie wir das heute handhaben. Die Apostel besaßen kein Griechisch-Wörterbuch, so wie es heutige Bibelübersetzer haben, sondern sie hatten stattdessen die Septuaginta. Von dieser lernten sie die griechischen Begriffe, wie und wo sie zu verwenden sind im Sinne der göttlichen Überlieferung. Das bringt uns direkt zur zweiten wichtigen Frage.
Frage 2: In welchem Zusammenhang verwendeten die Apostel das Wort despotes?
Auch hier ist die Antwort überraschend einfach: Die Apostel verwendeten despotes genauso, wie es die Septuaginta tat. Denn die Septuaginta war nicht nur ihre heilige Schrift, sondern auch ihr Sprachkurs. Die Septuaginta benutzt den Titel despotes ausschließlich im Zusammenhang mit Sklaverei. Das sehen wir sehr schön in den Sprüchen Salomos oben. Und exakt genauso taten es die Apostel. Auch das sehen wir oben wunderbar in den Anweisungen von Petrus und Paulus an die Sklaven. Despotes ist ein etablierter, antiker Fachbegriff aus der Sklaverei. Sklaverei war ein selbstverständlicher Bestandteil aller Zivilisationen im alten und neuen Testament. Auch in Israel. Auch in der christlichen Urgemeinde. Auch in den Gemeinden, die von den Aposteln außerhalb von Judäa gegründet und angeleitet wurden. Deswegen gaben die Apostel den Gemeinden selbstverständlich auch Anweisungen für die Sklaven und Sklavenhalter. Letztere wurden mit dem Titel despota bezeichnet. Davon wurde unser Wort „Despot“ abgeleitet, das politisch negativ besetzt ist. In der Antike war despotes weder ein politischer Begriff, noch ein negativer, noch ein moralisierender, sondern ein rechtlicher! Ein despotes war der rechtmäßige Eigentümer seiner Sklaven. Es geht um Leibeigene. Ein Sklave gehört mit seinem Leib und Leben seinem despotes. Jeder despotes darf unumschränkt über den Leib und das Leben seiner Sklaven bestimmen, weil sie sein Eigentum sind. Das ist der entscheidende Unterschied zu anderen Angestellten, wie Dienern oder Knechten, die nie das Eigentum ihrer Herren sind, sondern eigene Rechte haben. Ein Sklave jedoch hat kein Recht über sich und seinen Körper. Er ist nicht selbstbestimmt. Deswegen sind heutige Übersetzungen irreführend, die nicht von „Sklaven“ sprechen und auch nicht von despotes, sondern nur von „Knechten“ oder gar „Dienern“ und ihren „Herren“. Sie verpassen damit das Wesentliche, auf das uns die heilige Schrift mit den griechischen Begriffen hinweisen will: die Leibeigenschaft.
Das richtige Schriftverständnis
Man muss sich also die Sklaverei, die Leibeigenschaft, ernsthaft als einen historisch korrekten, juristischen, eigentumsrechtlichen Fakt vor Augen führen, um den Sinn des biblischen Wortes despotes zu erfassen. Denn die Apostel dachten in Kategorien wie Recht, Ordnung und Eigentum. Darum schrieb der Apostel Johannes über Jesus:
Er kam in Sein Eigentum, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf. (Joh 1,11)
Begriffe von Eigentum und Zivilrecht sind geschrieben in der Schrift, wenn es um Jesus und die Menschen geht. Er ist in Wahrheit in Sein Eigentum gekommen, doch die Seinen - das heißt, die die Sein Eigentum sind - haben Ihn nicht entsprechend behandelt. Das ist die eigentliche Tragik. Es geht im Evangelium um Recht und Eigentum Gottes. Das betonen die Apostel durch verschiedene Formulierungen, die allesamt der Leibeigenschaft entnommen sind. Und dabei hatten die Apostel keineswegs die römische Leitkultur ihrer Zeit vor Augen! Heutige Experten irren, wenn sie glauben, die Apostel hätten Sklaverei nur akzeptiert, weil die weltlichen Römer das taten. Und moderne Christen sollten Sklaverei ablehnen, weil die weltliche Kultur diese heute verbietet. Doch so tickten die Apostel überhaupt nicht! Sie haben sich nie an der Welt und ihrem Zeitgeist orientiert, sondern immer allein an Gott und Seinem Wort! Das beweisen die bereits angeführten Anweisungen von Petrus und Paulus:
IHR Sklaven, seid mit aller Furcht euren Herren untertan, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den verkehrten! Denn das ist Gnade, wenn jemand, weil er Gottes eingedenk ist, Trübsale erträgt, sofern er Unrecht leidet.
ALLE, die als Sklaven unter dem Joch sind, sollen ihre Herren aller Ehre wert halten, damit nicht der Name Gottes und die Lehre gelästert wird. Die aber, welche gläubige Herren haben, sollen sie nicht geringachten darum, weil sie Brüder sind, sondern ihnen noch mehr dienen, weil es Gläubige und Geliebte (Gottes) sind, die sich des Wohltuns (gegen ihre Sklaven) befleissigen. Dies lehre und dazu ermahne!
Sklaven ermahne, ihren Herren untertan zu sein, in allem ihnen wohlgefällig zu sein, nicht zu widersprechen, nichts zu entwenden, sondern alle gute Treue zu erweisen, damit sie der Lehre Gottes, unsres Heilandes, in allen Stücken zur Zierde gereichen.
Die Apostel hatten also bei all ihren Anweisungen stets den Namen Gottes und die Lehre vor Augen, keine weltlichen Werte - auch bei den Anweisungen an die Sklaven! Sklaven müssen ihre despota fürchten und sich ihnen umso gehorsamer und widerspruchsloser unterordnen, wenn es sich um Glaubensbrüder handelt, weil das dem Willen und Wort Gottes entspricht! Den Aposteln ging es nicht um die Welt, nicht um das römische Recht, nicht um den Kaiser, sondern um Gott und Seine Lehre. Diese beiden werden verlästert, lehren die Apostel, wenn die christlichen Sklaven ungehorsam sind und nicht noch mehr sklavisch dienen, wenn es sich um Brüder handelt.
Aber warum betonten die Apostel so energisch die devote Unterordnung der christlichen Sklaven in den Gemeinden?
Ganz einfach: Weil damals schon die Idee aufkam, dass die Bekehrung und Wiedergeburt alle menschliche Sklaverei beenden würde - jedenfalls im Leib Christi, in der Gemeinde. Doch das war ein Irrglaube. Das stellten alle Apostel einmütig und energisch klar, wie wir sehen. Es fällt auf, wie leidenschaftlich die Apostel beim Thema Sklaverei waren und es eben nicht abschaffen wollten, sondern darauf schauten, das sich kein Sklave einbildet, er würde freigelassen in dem Moment, wo sein despotas sich bekehrt. Im Gegenteil: Er muss dann noch devoter werden, ermahnen die Apostel. Sonst würde Gott verlästert. Die Apostel gaben diese Anweisung sogar an ihre Schüler weiter, damit diese ebenfalls ihre Gemeinden entsprechend lehren und weiterhin ermahnen, wenn die Apostel nicht mehr sind. Warum dieser Eifer der Apostel bei diesem Thema? Wir können das heute kaum verstehen. Mit der Abschaffung der Sklaverei wurde eine Denkweise abgeschafft und sogar verteufelt, eine Gesinnung, die grundlegend ist für das richtige Verständnis von Gottes Position, Wille und Wort.
Das richtige Gottesverständnis
Despotes hat eine noch viel höhere Bedeutungsebene in der griechischen Sprache als die menschliche. Sowohl die alten Griechen als auch die Hebräer, die die Septuaginta schrieben, wussten, dass despotes ein Titel ist, der Gott zusteht. Gott selbst wird tausende Male in der Septuaginta als kyrios bezeichnet, aber kaum mehr als ein Dutzend Mal despotes! Despotes ist aber nicht nur ein sehr seltener, sondern ein sehr autoritärer Titel unseres Gottes, der ganz bewusst gewählt wird in der Schrift, weil er etwas anderes ausdrückt als kyrios. Es geht tatsächlich um Eigentumsrecht, um Leibeigenschaft, um Sklaverei. Das geht aber in allen Bibeln unter, die sowohl kyrios als auch despotes gleichermaßen mit „Herr“ übersetzen und damit beide Begriffe glätten.
Doch den Aposteln stand die blanke Wahrheit in der Septuaginta auf Griechisch klar vor Augen. Gott erhebt mit dem Titel despotes für sich unumschränkte Eigentumsrechte und Verfügergewalt. Er kann und darf mit den Menschen machen was Er will - weil es Sein Recht ist als deren Eigentümer. Das drückt Er einerseits durch Seinen Titel despotes aus und andererseits durch die Reden Seiner Propheten. Wenn etwa Jeremia (18,6) und Jesaja (45,9; 64,7) die Menschen mit Gefäßen vergleichen, mit denen Gott wie ein Töpfer machen kann was Er will, dann drückt das jene Leibeigenschaft der Menschen in Gottes Hand aus. Paulus erinnert die Menschen genau an dieses Recht und diese Macht Gottes:
Ja, o Mensch, wer bist denn du, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch das Gebilde zu dem, der es geformt hat: Warum hast du mich so gemacht? Oder hat nicht der Töpfer Macht über den Ton, aus derselben Masse das eine Gefäß zur Ehre, das andere zur Unehre zu machen?
Das ist die Macht des despotes, der mit seinem Eigentum machen kann was er will. Das erfuhr der Prophet Jona am eigenen Leib und Leben. Als er den Befehl Gottes missachtete und sich in die entgegengesetzte Richtung aufmachte, wurde er von Gottes Naturgewalt eingeholt und landete im Bauche eines großen Fisches. Sein Leib und Leben waren nicht mehr in seiner Gewalt, sondern in Gottes. Jona spricht am Ende der Geschichte Gott mit despotes an und unterwirft sich damit seinem Eigentümer über Leib, Seele und Leben:
Und nun, Gebieter, Herr, nimm meine Seele von mir, weil zu sterben für mich besser (erscheint), als zu leben.
Jona 4,3 LXXD
Die Septuaginta Deutsch (LXXD) übersetzt den Titel despotes an dieser Stelle übrigens nicht wie in den Zitaten oben mit „Herr“, sondern nun mit „Gebieter“. Das macht sie öfters. Sie schwankt bei der Übersetzung des Wortes despotes zwischen „Herr“ und „Gebieter“. Dabei sind das zwei verschiedene Begriffe im griechischen Original.
Während im Alten Testament dieser despotes eher schwierig zu identifizieren ist, so wird im Neuen Testament mit Jesus alles klar, gerade auch sprachlich. Denn Jesus benützte bewusst Schlüsselbegriffe aus der Sklaverei, um Seine Position und Lehre darzulegen. Er sprach von Seinem Blut, das als Lösegeld gegeben wird. Das war eine eindeutige Ansage aus dem Menschenhandel. Sklaven wurden erlöst, d.h. gekauft. Der Erlöser war damals derjenige, der Sklaven von ihrem vorherigen Besitzer abkaufte und damit wurde er automatisch deren neuer Eigentümer, ihr despotes. Von diesem Vorgang des Herrschaftswechsels spricht das ganze Neue Testament in einer Sprache aus der Sklaverei. Paulus erinnert nicht nur die Korinther sondern uns alle daran:
Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des in euch wohnenden Heiligen Geistes ist, den ihr von Gott empfangen habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum verherrlicht Gott in eurem Leib und in eurem Geist, die Gott gehören!
Unsere Körper gehören nicht mehr uns, sie gehören Gott, denn Er hat uns teuer erkauft - und damit auch unsere Leiber! Wir sind Leibeigene Gottes. Sogar unser Geist gehört Gott! Das ist der absolute Anspruch eines wahren despotes! Es geht um einen Besitzwechsel. Durch die Sünde werden Menschen zu Sklaven des Teufels (vgl. Joh 8,34; 1.Joh 3,8; Röm 6,16; uva.). Jesus hat mit Seinem Blut das Lösegeld für sie bezahlt, sie so erlöst, und diese Menschen sind dadurch Sein rechtmäßiges Eigentum geworden, Seine Sklaven. Das verstanden die Jünger sehr gut und so bezeichneten sie sich auch alle als Sklaven Christi:
Simon Petrus, Sklave und Apostel Jesu Christi, an die, welche den gleichen kostbaren Glauben wie wir empfangen haben.
(2. Petr 1,1)
Paulus, Sklave Jesu Christi, berufener Apostel, abgesondert zum Evangelium Gottes.
(Röm 1,1)
Paulus und Timotheus, Sklaven Jesu Christi, an alle Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind, samt den Aufsehern und Diakonen.
(Phil 1,1)
Jakobus, Sklave Gottes und des Herrn Jesus Christus, grüßt die zwölf Stämme, die in der Zerstreuung sind!
(Jak 1,1)
Judas, Sklave Jesu Christi und Bruder des Jakobus, an die Berufenen, die durch Gott, den Vater, geheiligt und in Jesus Christus bewahrt sind.
(Judas 1,1)
Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat, um seinen Sklaven zu zeigen, was rasch geschehen soll; und er hat sie bekannt gemacht und durch seinen Engel seinem Sklaven Johannes gesandt.
(Offb 1,1)
Leider glätten auch hier viele Bibeln die Schärfe dieser Bekenntnisse, indem sie das griechische Wort doulus, das damals für jeden Muttersprachler eindeutig „Sklave“ hieß im Sinne eines Leibeigenen (also genau das Thema hier!), mit „Knecht“ übersetzen. Ein Knecht ist aber kein Sklave, denn er ist nicht das Eigentum seines Herrn, sondern sucht sich seinen Herrn selbst aus und arbeitet für eine vereinbarte Zeit für einen vereinbarten Lohn. Ein Sklave hingegen wird ohne gefragt zu werden gekauft und muss rund um die Uhr seinem Herrn zur Verfügung stehen, ohne Lohn - und ohne Widerspruch. Dass Jesus sich selbst als despotes versteht und verhält, drückte Er kaum mit einem anderen Satz klarer aus als mit jenem:
Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. (Mt 10,16; Lk 10,3)
Kein guter Hirte wird seine Schafe mitten unter die Wölfe senden. Wenn ihm das nicht schon sein Berufsethos verbietet, dann doch die Angst vor dem Besitzer der Schafe, dem er Rechenschaft ablegen und Entschädigung zahlen wird müssen. Aber der despotes, der Eigentümer selbst, der kann das machen. Er muss niemand Rechenschaft ablegen - schon gar nicht seinem Eigentum. Jesus hat Seinen Jüngern das klipp und klar gesagt und sie darauf vorbereitet, dass sie alle Leib und Leben verlieren werden. Jesus formulierte immer Anweisungen an Seine Jünger, nie Bitten oder Vorschläge. Es gab nur Gehorsam oder Ungehorsam, aber keinen Verhandlungsspielraum. Genauso verhält sich ein despotes gegenüber seinen Sklaven. Und doch haben die Apostel den Titel „Sklave Christi“ mit Stolz und Selbstbewusstsein getragen bis in den Märtyrertod. Genau an der Stelle setzt die Offenbarung des Johannes an und berichtet uns, wie diese Märtyrer ihren despotes anrufen:
Und sie riefen mit großer, lauter Stimme und sagten: „Bis wann, unumschränkter Herrscher, Heiliger und Wahrhaftiger, richtest du nicht und rächst du nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?“
Hier hat der Übersetzer Herbert Jantzen richtig verstanden, dass das deutsche Wort „Herr“ zu schwach ist für das griechische Wort despotes, das hier im Originaltext steht, und übersetzte es mit „unumschränkter Herrscher“. Es kommt dem eigentlichen Sinn von despotes schon nahe, weil es dessen unumschränkte Macht zeigt. Es fehlt aber immer noch der rechtliche Besitzanspruch. Und der macht aber erst diese Stelle verständlich: Denn die Sklaven Christi, deren Leib und Leben von anderen Menschen zu unrecht genommen wurde, weil diese fremden Menschen nicht das Recht dazu hatten, flehen nun zu ihrem despotes Christus, der ihr wahrer Eigentümer ist, dass Er sie rächen soll. Denn wenn jemand die Sklaven eines anderen tötet, so ist das ein Eigentumsdelikt. Das muss gerichtet und gerächt werden. Und dafür muss allein der Eigentümer sorgen, der despotes! Diese Märtyrer wissen genau, dass Jesus ihr despotes ist. Der Apostel Johannes sah voraus, wie sie ihren despotes lauthals anflehen werden und schrieb es uns in seiner Offenbarung auf. Doch seine Brüder sahen auch voraus, dass es Christen geben wird, die das nicht mehr wissen oder sogar leugnen werden, und schrieben uns das ebenfalls auf, damit wir vorgewarnt sind:
Petrus:
Aber es entstanden auch falsche Propheten unter dem Volk, wie auch unter euch falsche Lehrer sein werden, die zerstörerische Sonderrichtungen nebenher einführen werden und den unumschränkten Herrscher, der sie kaufte, verleugnen werden und sich selbst einen schnellen Untergang zuziehen.
Judas:
Denn gewisse Menschen schlichen nebenein, die für dieses Urteil längst aufgeschrieben wurden: Ehrfurchtslose, die die Gnade unseres Gottes in Zügellosigkeit verkehren und Gott, den alleinigen unumschränkten Herrscher, und unseren Herrn, Jesus Christus, verleugnen.
Wo Herbert Jantzen wieder „unumschränkter Herrscher“ schreibt, steht in beiden Fällen das griechische Wort despotes im Original. Leider macht er das aber nur dann, wenn dieser Titel an Gott gerichtet ist. Werden in der Schrift jedoch Menschen mit despotes angesprochen, so übersetzt auch Jantzen diesen Titel leider nur mit „Herr“ - so wie alle anderer Bibelübersetzer. Ich denke, ich habe bereits ausführlich dargelegt, warum aber „Herr“ allein viel zu oberflächlich und irreführend ist im heutigen deutschen Sprachgebrauch.
Das treffendste deutsche Wort für despotes?
Vielleicht bedeutete vor Jahrhunderten „Herr“ auf Deutsch wirklich das, was zur Zeit der Apostel despotes auf Griechisch bedeutete. Aber heute ist das nicht mehr der Fall. Wir müssen ein anderes Wort dafür finden.
Jantzens „unumschränkter Herrscher“ ist auch nicht ganz gelungen, wie ich bereits ausführte. Umso mehr, als er ihn nicht überall konsequent einsetzt.
Es muss ein Wort auf Deutsch sein, das sowohl die unumschränkte Macht wie auch den rechtlichen Besitzanspruch ausdrückt. Denn darauf legt Gott großen Wert, indem Er einen zivilrechtlichen Begriff dafür wählte. Gott ist kein Räuber, der Menschen raubt und dann versklavt. Das machen andere. Gott ist auch kein Eroberer, der sich Menschen als Kriegsbeute holt um sie mit Waffengewalt zu Sklaven zu machen. Er ist ein Gott, der dem vorherigen Besitzer ganz offiziell den geforderten hohen Lösepreis bezahlt und so die Sklaven rechtmäßig erlöst. Das ist Sein Stil, den Er uns in der Schrift anhand der Sklaverei erklärt. Und die Schrift erklärt uns auch noch den nächsten Schritt: Nachdem wir teuer erkauft wurden, überlässt uns der despotes Jesus die Wahl, ob wir in Zukunft Seine Sklaven bleiben oder zurück zu unserem vorherigen Sklavenhalter, dem Teufel, gehen wollen (Röm 6,16). Denn Jesus will nur freiwillige Sklaven.
Wie drückt man diesen despotes nun mit einem verständlichen Begriff auf Deutsch aus? Ein Begriff, der sowohl einen Mensch als despotes umfasst als auch Gott? Ich schlage vor, dass wir das traditionelle „Herr“ behalten, aber mit einem präzisierenden Wort davor: „Leibherr“. Es klingt vielleicht sperrig und veraltet, ist aber bei näherer Betrachtung genau das, was despotes bedeutet: Mein Leibherr ist der Gebieter über meinen Leib und mein Leben. Er allein entscheidet darüber - nicht ich - weil Er das darf als mein rechtmäßiger Eigentümer. Ja, und dass dieser Gedanke sperrig und veraltet wirkt, liegt daran, dass er aus einer Zeit stammt, die wir heute als sperrig und veraltet betrachten und daher nicht mehr verstehen. Aber wer ist daran schuld?
Mein Vorschlag: Setzen wir an allen Stellen, wo in der LXX und im NT das griechische Wort despotes steht, das deutsche Wort Leibherr ein - und wir werden besser erkennen, worum es wirklich geht. Das könnte ein Augenöffner werden und das Evangelium den deutschsprachigen Lesern so vor Augen führen, wie es die Apostel und deren Schüler sahen. Selbstverständlich bin ich aber auch für bessere Übersetzungsvorschläge offen.