Die Schweine: Häretiker
Es gibt zwei Sorten von Häretikern (auf Deutsch: Irrlehrer, Ketzer, Sektierer): Jene aus fremden Religionen und jene aus dem Christentum. Cyprian von Karthago schrieb an die erste Sorte folgenden Brief:
Wenn du dich ereifertest und gegen Gott, der der eine und wahre ist, mit frevlem Munde und in ruchlosen Worten dich ergingst, dann hatte ich dich, lieber Demetrianus, gar oft unbeachtet gelassen, da ich es für ehrenhafter und besser hielt, die Unkenntnis des Irrenden stillschweigend zu übersehen, als durch Worte die Wut des Verblendeten noch herauszufordern. Und das tat ich nicht, ohne durch die göttliche Lehre dazu ermächtigt zu sein; denn es steht geschrieben: „Dem Toren sage nichts in die Ohren, damit er nicht, wenn er es hört, deinen verständigen Reden verlache!“ und wiederum: „Antworte dem Toren nicht nach seiner Torheit, damit du ihm nicht ähnlich werdest!“ Es wird uns ja auch befohlen, das Heilige in unserem Bewußtsein zu behalten und nicht den Schweinen und Hunden zum Zertreten hinzuwerfen, wie der Herr spricht und sagt: „Gebet das Heilige nicht den Hunden, und werfet eure Perlen nicht vor die Schweine, damit sie nicht mit ihren Füßen sie zertreten!“ Denn da du oft mehr in der Absicht, zu widersprechen als mit dem Wunsche zu lernen zu mir kamst und lieber deine Ansichten mit schreiender Stimme mir unverschämt aufdrängen als unsere Gedanken ruhig anhören wolltest, so schien es mir unangebracht, mit dir zu streiten, da es leichter und müheloser wäre, die erregten Wogen des stürmischen Meeres durch lauten Zuruf zur Ruhe zu zwingen als deine Wut durch sachliche Verhandlungen zu zügeln. Sicherlich ist es doch vergebliche Arbeit und ein erfolgloses Beginnen, dem Blinden Licht, dem Tauben Worte, dem Toren Weisheit zu bieten, da weder der Tor zu denken noch der Blinde Licht aufzunehmen noch der Taube zu hören vermag.
Cyprian von Karthago, An Demetrianus (BKV) Einleitung, Kap. 1.
Das ist der Anfang des Briefes an Demetrianus (nahtlos daran schließt der Rest an, den wir hier veröffentlicht haben: Wer oder was ist an den Krisen schuld?). Der Brief ist in vielerlei Hinsicht brisant und lehrreich.
Wer war Demetrianus? Wir erfahren aus dem Brief, dass er ein grausamer Herrscher war, dass er an die römischen Götter glaubte, dass er immer wieder Cyprian aufsuchte, und dass er schließlich eine Christenverfolgung anzettelte. Damit war Demetrianus aus der Sicht der Christen ein typischer abergläubischer Häretiker aus einer fremden Religion. Das machte ihn aber noch nicht zum Schwein im Sinne von Jesu Gebot. Erst die Art, wie dieser Irrende seinen Irrtum auslebte, machte ihn zum Schwein: Er kam zu dem christlichen Lehrer nicht um zu lernen, sondern um ihn zu belehren indem er ihm seine Ansichten aufzudrängen versuchte. Er war voreingenommen, unbelehrbar und aggressiv. Dieses Verhalten machte ihn zum Schwein, das die Perlen des Cyprian zertrat, sich umwandte und versuchte Cyprian zu zerreißen. Cyprian erkannte all das im Voraus aufgrund des Gebotes des Herrn, das er treu befolgte, und es sogar dem Irrlehrer Demetrianus freimütig in einem Brief entgegenhielt, neben ein paar weiteren Weisheitsgeboten, die genauso wenig schmeichelhaft waren für den Gegner.
Die andere Sorte Häretiker stellt uns Irenäus vor:
All dies hat das Gesetz im voraus bildlich verkündet, indem es durch Tiere den Menschen zeichnete. Was nämlich doppelte Klaue hat und wiederkäut, erklärt es als rein; was aber das eine oder andere nicht hat, sondert es als unrein ab. Welches sind also nun die Reinen? Die zum Vater und dem Sohne durch den Glauben fest ihren Weg gehen — das bedeutet die doppelte Klaue — und die Aussprüche des Herrn Tag und Nacht meditieren , um mit guten Werken sich zu schmücken — das bedeutet die Kraft der Wiederkäuer. Unrein aber ist, was keine doppelten Klauen hat oder nicht wiederkäut, d. h. die weder den Glauben an Gott haben, noch seine Aussprüche meditieren — das ist der Greuel der Heiden. Die aber wiederkäuen und keine doppelte Klaue haben, sind auch unrein — das weist bildlich auf die Juden hin, die zwar die Aussprüche Gottes im Munde haben, aber keine feste Wurzel fassen im Vater und im Sohne. […] Unrein ist gleichfalls, was doppelte Hufe hat, aber nicht wiederkäut. Das weist offenkundig hin auf alle Häretiker, die nicht die Aussprüche Gottes meditieren, noch mit Werken der Gerechtigkeit sich schmücken. Zu ihnen spricht der Herr: „Was sagt ihr mir Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?“ Derartige Leute geben zwar vor, an den Vater und den Sohn zu glauben, meditieren aber niemals die Aussprüche Gottes, wie es sich gehört; noch sind sie mit den Werken der Gerechtigkeit geschmückt, sondern sie haben, wie gesagt, das Leben der Schweine und Hunde angenommen und sich der Unreinigkeit, Schlemmerei und übrigen Sorglosigkeit ergeben. Mit Recht also nannte der Apostel alle diese, die wegen ihres Unglaubens und ihrer Üppigkeit den göttlichen Geist nicht erlangen und durch verschiedene Charaktere den Geist hinauswerfen, der sie lebendig macht, und in ihren Lüsten unvernünftig wandeln, fleischlich und animal, nannten die Propheten sie Vieh und wildes Tier, deutet die Gewohnheit sie als Tiere und Unvernünftige, verkündet das Gesetz sie als unrein.
Irenäus von Lyon Contra Haereses Gegen die Häresien (BKV), Fünftes Buch, 8,3.
Hier sehen wir sehr schön, wie geistlich die frühen Christen sogar die Speisevorschriften im Gesetz Moses lasen und die jeweiligen Tiere dort auf die Menschen hin deuteten und in ihrem tiefen Sinnbild erfassten. Speisen stehen im Wort Gottes oft als Sinnbild für die Lehre, insbesondere im Neuen Testament. Christus sprach beispielsweise vom Sauerteig der Pharisäer und meinte damit ihre Lehre. Paulus sprach davon, dass er seinen Schülern Milch gab und meinte damit die geistliche Nahrung für geistliche Babys, Wir schrieben dazu folgenden Beitrag: Milch habe ich euch zu trinken gegeben.
Es ist also naheliegend, dass geistlich denkende Menschen die Speisegebote geistlich deuten. Und erst die geistliche Deutung erhellt, warum Gott die Tiere nach ihren Füßen und Ernährungsformen unterschied, um zu bestimmen, welche rein und unrein sind. Irenäus erklärt es uns: Die Hufe stehen für den Glauben und die Ernährung für die Art, wie der Mensch das Wort Gottes aufnimmt. Rein ist nur derjenige, der doppelte Hufe hat und Wiederkäuer ist. Denn die doppelten Hufe (heute sagt man Paarhufer dazu) bedeuten geistlich gesehen, dass er mit seinen Füßen auf dem Vater und dem Sohn steht, auf beiden! Ja und Wiederkäuer bedeutet geistlich gesehen, dass man täglich die Aussprüche Gottes, das Wort Gottes, von neuem durchkaut, also meditiert. Alle anderen sind unrein.
Während es also nur eine Möglichkeit gibt, rein zu sein, gibt es viele Möglichkeiten unrein zu sein. Das ist ein Grundprinzip der Wahrheit, das uns Gott in Seinem Wort offenbart. Es reicht also nicht, ein Huftier zu sein. Irenäus identifiziert jene, die nur einteilige Hufe haben, mit den Juden, weil sie nur auf dem Vater stehen. Ihnen fehlt der Sohn. Und schlimmer noch: Wer den Sohn nicht hat, hat den Vater nicht und auch das Leben nicht (1. Joh 2,23; 1. Joh 5,12). Unrein sind auch alle, die gar keine Hufe haben. Das sind die Heiden, die auf ganz anderen Göttern stehen, wie Irenäus erläutert.
Es reicht aber auch nicht, wenn man zwar Paarhufer ist, aber kein Wiederkäuer. Die frühen Christen wie Irenäus erkennen hier den perfekten Zusammenhang zu den Häretikern, die zwar an Vater und Sohn glauben, also doppelte Hufe haben, aber nicht das Wort Gottes ordentlich täglich wiederkäuen. Ihnen fehlt der Tiefgang in der Lehre und die Werke, die daraus resultieren. Stattdessen sind sie unrein, sowohl in ihrer Lehre als auch ihren Werken. Schweine sind unrein laut dem Gesetz Moses, weil sie Paarhufer aber keine Wiederkäuer sind. Daher passt der Vergleich perfekt: Diese Menschen sind Schweine im Sinne des Gesetzes Moses und im Sinne des Gebotes Christi! Es sind diesmal keine heidnischen Häretiker aus anderen Religionen, auch keine ungläubigen, sondern sie kommen aus dem Christentum, würden sich selbst auch als wahre Christen bezeichnen, und sind doch Schweine im Sinne des Gebotes Christi, vor die man keine Perlen werfen darf.
Wir haben mit einigen solcher Schweine Bekanntschaft gemacht in den letzten Jahrzehnten. Von denen wurde ich beispielsweise immer wieder kritisiert, weil ich in meinen Beiträgen verallgemeinere und absolute Worte verwende wie „alle“, „keiner“, „immer“, „nie“, „ganz“, „gar nicht“, etc. Das sei kein guter Stil und führe zu Aussagen, die so nicht stimmen. Was meine Kritiker dabei übersehen ist, dass ich genau diese rhetorischen Stilmittel und Worte aus der Heiligen Schrift habe und in ihrem Sinne verstehe und verwende. Wer diese Worte bei mir nicht richtig versteht, wird sie auch nicht in der Bibel richtig verstehen (eine Beweisstelle bespreche ich später, im letzten Kapitel). Und genauso ist es auch. Ein paar Beispiele:
- So schrieb mir triumphierend eine Lehrerin, dass sie aufgedeckt habe, dass Paulus ein falscher Apostel sei. Denn Jesus hatte den Pharisäern gesagt, dass sie nicht ins Königreich der Himmel kommen. Paulus war ein Pharisäer, also käme er nicht ins Himmelreich und könne kein Apostel sein.
- Ein anderer Lehrer, ein Theologe sogar, sagte mir, dass man die Aussage in der Bibel, wo es heißt, dass Gott will, dass alle Menschen gerettet werden, nur so auffassen kann, dass am Ende auch wirklich alle Menschen gerettet werden, denn am Ende geschieht Gottes Wille und Gott lügt nicht.
- Wieder ein anderer Lehrer erklärte mir, dass Paulus ein Irrlehrer war, weil sich am Ende „ganz Asien“ von ihm abwandte. Wenn sich ein ganzer Kontinent von einem Lehrer abwendet, muss es am Lehrer liegen. Das kann kein richtiger Lehrer sein.
- Einige Lehrer fingen zu streiten an, weil sie lasen, dass Johannes der Täufer „ganz Jerusalem“ taufte - und zu „ganz“ Jerusalem gehören wohl auch Säuglinge. Also muss Johannes bereits Säuglinge getauft haben, was die Säuglingstaufe von Beginn an beweisen und vorschreiben würde.
Diese Menschen haben die Rhetorik Gottes nicht erfasst. Es fällt ihnen bei mir störend auf, aber in der Schrift nicht, weil sie die Aussprüche Gottes nicht so wiedergekäut haben, wie es notwendig wäre. „Ihr irrt, weil ihr die Schriften nicht kennt“, sagte Jesus. Vermeintlich absolut formulierte Sätze in der Schrift verstehen sie global absolut, ziehen falsche Schlüsse, und destillieren daraus trügerische Lehrsätze. Genauso entstehen Irrlehren, die im Widerspruch zu sich selbst und anderen Aussagen in der Schrift stehen. Der Fehler liegt nicht bei den Autoren der Schrift, auch nicht bei den guten Lehrern (den „Wiederkäuern“), sondern bei den Schweinen, die hastig runterschlingen anstatt richtig zu kauen. Diese Schweine sträuben sich in der Regel auch, immer wieder über dieselben Aussprüche Gottes nachzudenken. Sie bleiben lieber bei ihrer ersten Meinung.
Wir bemerkten auch über die Jahre, dass viele dieser Häretiker sehr gerne schnell und viel reden, so als wollten sie ihrem Gegenüber keine Zeit lassen, darüber nachzudenken oder etwas zu entgegnen. Schwätzer nennt die Schrift solche Irrlehrer:
Denn es gibt viele widerspenstige und leere Schwätzer und Verführer, besonders die aus der Beschneidung. Denen muss man den Mund stopfen, denn sie bringen ganze Häuser durcheinander mit ihrem ungehörigen Lehren um schändlichen Gewinnes willen. (Tit 1,10f SCH2000)
Aber sie reden nicht nur schnell und viel, sondern urteilen genauso gerne schnell und viel, während sie auf der anderen Seite langsam und wenig zuhören und verstehen. So übersehen sie auch schnell vieles. Viele verstehen daher auch nicht, dass ein und dasselbe Wort in der Schrift mehrere verschiedene Bedeutungen haben kann, je nach Kontext. So wurde ich von mehreren angegriffen, weil ich das Wort „Gesetz“ unterschiedlich verwende. Ich sei widersprüchlich. Nein, vielmehr bezieht sich das Wort „Gesetz“ in der Schrift nunmal auf völlig unterschiedliche Dinge! Gesetz ist nicht Gesetz in der Schrift. Dasselbe gilt für Sünde, Glaube, Gnade, Israel, Jude und viele andere Schlüsselwörter auch (siehe auch Israel ist nicht Israel und Gnade und Gnade ist zweierlei). Man muss all die verschiedenen Bedeutungen zu unterscheiden wissen, bevor man sich eine Meinung bildet und die Schrift auslegt. Sonst versteht man nicht nur meine Texte falsch, sondern auch die der biblischen Autoren und frühen Christen. Was in den Aussprüchen Gottes und der Lehre der Apostel auf den ersten Blick absolut eindimensional klingt, erweist sich am Ende als richtungsweisendes mehrdimensionales Prinzip, das den freien Willen des Menschen in die Verantwortung nimmt. Und der Wille Gottes ist sowieso viel komplexer als Schweine ihn wahrhaben wollen.
So sprachen wir mal mit einem Freund, einem „Experten“ in Sachen Eschatologie. Er studierte Jahrzehnte lang die Offenbarung und trug uns seine Auslegung, die er sich selbst zusammen gereimt hatte, sichtlich stolz vor. Wir machten ihn danach auf manche Widersprüche zu anderen Bibelstellen aufmerksam und erzählten, wie wunderbar schlüssig doch die frühen Christen die Offenbarung verstanden, in völliger Harmonie mit dem Rest der Schrift. Wie reagierte unser Freund? Er räumte zwar ein, dass es Widersprüche gab, die er ad hoc nicht erklären könne, gestand aber auch gleichzeitig, dass er keine Lust hätte, noch einmal über alles nachzudenken. Einmal müsse reichen. Später riet ihm auch sein Pastor, dass er vielleicht manches nochmal überdenken und überarbeiten solle. Das war ihm zu viel, das ließ er sich nicht bieten, und war erbost über den Pastor. Das ist das Mindset eines Schweines, nicht das eines Wiederkäuers.
Zusammenfassung bis hierher:
Unterm Strich ist es egal, mit welcher Sorte Häretiker man es zu tun hat, ob aus einer fremden Religion oder dem Christentum. Beide können die Eigenschaften und Verhaltensmuster an den Tag legen, die sie zu den Schweinen im Sinne von Jesu Gebot und dem Gesetz Moses machen. Fassen wir alle bisherigen Erklärungen zusammen, so ergibt sich folgendes Profil von Häretikern, die Schweine sind:
- Sie suchen andere Lehrer auf - aber nicht um von ihnen zu lernen, sondern um sie zu belehren und mit ihnen zu streiten.
- Sie diskutieren verblendet, hitzig, unverständig, sogar töricht, und kennen das Wort Gottes nur oberflächlich.
- Sie reden schnell und viel und urteilen genauso schnell und viel.
- Anstatt täglich die Aussprüche Gottes wiederzukäuen, bilden sie sich einmal ein rasches Urteil, bei dem sie bleiben.
- Sie glauben, fromm zu sein. Doch anstatt Werke der Gerechtigkeit zu bringen, leben sie in Unreinheit und Ungehorsam gegenüber Christus.
„Sie haben das Leben der Schweine und Hunde angenommen“, nennt es Irenäus, in Anlehnung an die Aussagen der Apostel. Wieso aber ist das so?
- Wurden diese Menschen von Gott als Schweine und Hunde geschaffen?
- Können sie nicht anders, als das Leben der Schweine und Hunde anzunehmen?
- Ist jeder Irrlehrer somit automatisch ein Schwein?
Die letzten drei Fragen kann man eindeutig mit Nein beantworten. Und das führt uns zum nächsten Punkt: