Die Schweine: Seelische
Ein Teil unserer heutigen Probleme mit dem Verständnis der Heiligen Schrift besteht darin, dass wir deren Worte und Begriffe nicht mehr kennen oder inzwischen anders verstehen. Das Wort Schwein beispielsweise wird heute meist bewusst eingesetzt um einen Menschen unsachlich zu beschimpfen. In der Antike war das zwar auch kein Lob, Schwein genannt zu werden, aber es war ein anschaulicher Vergleich, der kritisch auf gewisse Eigenschaften hinwies, die den Mensch zum Schwein machten - und das soll nicht sein! Schauen wir uns das an.
Beginnen wir mit dem Wort „Seelischer“. Das Wort ist heute sperrig und missverständlich. Moderne Leser würden es intuitiv eher positiv verstehen. Es ist aber die präzise, korrekte Übersetzung des griechischen Wortes psychikos (ψυχικός), das die Autoren des NT bewusst wählten, um Menschen zu bezeichnen, die sich von ihren Seelen kontrollieren lassen. Das ist in der Heiligen Schrift nicht positiv.
Es ist wahrlich kein Kompliment, wenn Judas, Jakobus oder Paulus jemand oder etwas als „seelisch“ bezeichnen:
Judas:
Das sind die, die Spaltungen verursachen, Seelische, die den Geist nicht haben. (Judas 1,19)
Jakobus:
Das ist nicht die Weisheit, die von oben kommt, sondern eine irdische, seelische, dämonische. (Jak 3,15)
Paulus:
Der seelische Mensch aber nimmt nichts an, was vom Geiste Gottes kommt, denn es gilt ihm als Torheit, und er ist nicht imstande, es zu verstehen, weil es geistlich beurteilt werden muß. (1. Kor 2,14)
Diese drei Zitate sollen reichen, um zu beweisen, dass es in den Augen des Heiligen Geistes nicht positiv ist, wenn ein Mensch seelisch ist. Wir werden einen eigenen Beitrag über die Seele (griech. psyche) herausbringen. Hier sei nur soviel gesagt, dass im griechisch geprägten Osten des Römischen Reiches damals der Mensch als ein Wesen mit Körper, Seele und Geist verstanden wurde. Das war die Gedankenwelt der Apostel. Im lateinischen Westen hingegen verschmolzen die Begriffe Körper und Seele zunehmend miteinander sodass am Ende nur noch von Körper und Geist gesprochen wurde, wenn es um den Menschen ging. In den meisten modernen Bibelübersetzungen steht bei den oben zitierten Stellen daher auch nicht „seelisch“, sondern „fleischlich“, „natürlich“, „sinnlich“ oder ein anderes Wort, das von der Seele umlenkt auf die menschliche, körperliche Natur. Die griechischen Autoren schrieben und meinten jedoch „seelisch“. Die Seele verlor in Europa über die Jahrtausende leider derart an Bedeutung oder erhielt eine andere durch die Einflüsse fremder Religionen und Weltanschauungen, dass heutige Übersetzer veranlasst sind, auf andere Begriffe auszuweichen, die am Ende aber den ursprünglich gemeinten Sinn aufweichen oder gar unkenntlich machen.
Kurz gesagt: „Seelisch“ zu sein ist in der Sprache der Heiligen Schrift nur negativ, denn es meint, dass ein Mensch von seiner Seele (d.h. von seinen Gefühlen, Wünschen, Begierden, etc.), beherrscht wird, im Sinne von „animalisch“ so wie Tiere nur von Trieben der Seele getrieben, als ob man gar keinen Geist hätte. Seelisch ist in der Schrift das Gegenteil von geistlich. Seele und Geist wollen den Mensch in gegensätzliche Richtungen führen. Genauso lernten die frühen Christen die Begriffe von den Aposteln. Wir sahen das bereits bei Irenäus (siehe vorheriges Kapitel). Hier ein weiterer Kommentar von ihm dazu:
Die aber den Rat des Geistes verwerfen, den Lüsten des Fleisches dienen, unvernünftig leben und zügellos sich in ihre Begierden stürzen, da sie keinen Hauch vom göttlichen Geiste besitzen, sondern nach Art der Schweine und Hunde leben, die nennt mit Recht der Apostel fleischlich, da sie nichts anders als Fleischliches kennen. Und die Propheten vergleichen aus ebendemselben Grunde mit den unvernünftigen Tieren diejenigen, welche so unvernünftig wandeln. „Hengste, rasend nach Weibern, sind sie geworden, ein jeder von ihnen wiehert nach der Frau seines Nächsten“. Und wiederum: „Der Mensch, da er in Ehre war, ist ähnlich geworden dem Vieh“. Aus eigener Schuld nämlich ist er dem Vieh ähnlich geworden, weil er sich einem unvernünftigen Leben ergeben. Und dementsprechend sagen auch wir von solchen Menschen, daß sie unvernünftiges Vieh und tierisch geworden sind!
Irenäus von Lyon Contra Haereses Gegen die Häresien (BKV), Fünftes Buch, 8,2
Seelische verwerfen den Rat des Geistes. Wir sahen beim obigen Zitat aus Jakobus 3, dass irdisch, seelisch und dämonisch nah beinander liegen. Die Seele ist sehr empfänglich für irdische und dämonische Einflüsse. Seelische bieten den Dämonen ein Zuhause, so wie die Schweine. Nicht ohne Grund haben die Dämonen seinerzeit Jesus gebeten in die Schweine fahren zu dürfen (Mt 8,31). Und nicht ohne Grund hat Jesus das den Dämonen sofort gestattet. Und nicht ohne Grund haben uns diese - in vielerlei Hinsicht - tiefe und symbolträchtige Geschichte drei Evangelisten (Matthäus 8,28ff; Markus 5,1ff; Lukas 8,26ff) überliefert.
Clemens von Alexandria schildert den Heiden in einem Gleichnis mit Tieren und Baustoffen, was Jesus Christus tat. Er erklärt, wofür sie alle stehen:
Er allein unter allen, die je lebten, zähmte die wildesten Tiere, die Menschen, sowohl Vögel, das sind die Leichtfertigen, als kriechende Tiere, das sind die Betrüger, und Löwen, das sind die Jähzornigen, und Schweine, das sind die Wollüstigen, und Wölfe, das sind die Raubgierigen. Stein und Holz aber sind die Unvernünftigen; ja noch gefühlloser als Stein ist ein Mensch, der in Torheit versunken ist.
Clemens von Alexandrien Protrepticus, 1,4.
Die Schweine sind also die wollüstigen Menschen. Das sind Menschen, die sich ihren Gefühlen und Trieben hingeben. Einen weiteren negativen Aspekt erklärt uns der Barnabasbrief, der zur Zeit der Apostel im 1. Jahrhundert geschrieben wurde. Es geht um die geistliche Deutung der Speisevorschriften von Moses:
Ist es also nicht ein Gebot Gottes das alles nicht zu essen? Das ist es, vielmehr aber hat Moses im geistlichen Sinn gesprochen. Das Schwein nun nannte er in diesem Sinne: der Mensch soll nicht verkehren mit Leuten. die den Schweinen ähnlich sind; denn wenn sie in Fülle haben, vergessen sie den Herrn, wenn sie aber Mangel haben, anerkennen sie den Herrn, genau wie das Schwein; solange es zu fressen hat, kennt es seinen Herrn nicht; wenn es aber Hunger leidet, dann raunzt es, und sobald es [Futter] bekommen hat, schweigt es wieder.
Barnabasbrief (DLDA), X,2-3.
Schweine stehen sinnbildlich also für Menschen, die sich nur um ihr leibliches Wohl kümmern, um ihre Gefühle, um die Stillung ihrer Bedürfnisse und Triebe. Sie kennen ihren Herrn nur, wenn sie etwas von Ihm brauchen, dann grunzen sie bis sie es bekommen, ansonsten ist Er ihnen egal. Genau das sind die seelischen Menschen, wie das Neue Testament sie beschreibt und verurteilt. Es sind irdisch Gesinnte, menschlich Gesinnte, die den Heiligen Geist nicht haben und auch nie haben werden (siehe nächstes Kapitel), weil Er sich von ihnen abwendet, so wie sie sich von Gott abwenden und der Welt zuwenden. Ich denke, das ist die größte Gruppe von Schweinen - damals wie heute.
Nicht jedes dieser Schweine wird zum Irrlehrer, aber sie wurden von Irrlehrern verführt, so zu leben wie Schweine und sich dabei als gute Christen zu fühlen. Und sie fühlen sich wohl inmitten von anderen Schweinen, die genauso unrein denken und leben. Schweine bestätigen sich gegenseitig und brauchen diese Bestätigung auch. Auf der anderen Seite fühlen sie sich angegriffen von den guten Lehrern, von reinen Menschen, und mögen diese nicht, sondern suchen den Dreck. Sie haben irdische Wertvorstellungen und treffen irdische Entscheidungen anstatt göttliche. Wir haben viele solcher Schweine schon bei uns in der Gemeinde gehabt. Es sind durchaus fröhliche und angenehme Menschen, oft auch interessiert am Wort Gottes. Eine Zeitlang, solange sie Hunger haben. Irgendwann sind sie satt und lassen es. Und dann stoßen sie sich mehr und mehr an den Worten und Werten, die nicht ihrem seelischen Nervenkostüm und ihrem unreinen Leben entsprechen. Dann wenden sich die Schweine um und versuchen die Nachfolger Christi zu zerreißen - wie Jesus sagte.
Ein typisches Merkmal von seelischen Menschen ist, dass sie leibliche Verwandtschaft weit über geistliche stellen. „Blut ist dicker als Wasser“ ist ihr Motto. Sie halten im Zweifelsfall zu ihrer leiblichen Familie und Herkunft, anstatt zum Herrn und der geistlichen Familie, der Gemeinde. Sie ertragen es nicht, wenn man ihre leiblichen Kinder zurechtweist und entgegnen: „Das sind aber unsere Kinder!“ So als wäre das ein Argument. Damit verleugnen sie ihren Herrn Jesus Christus bzw. deklarieren sich eindeutig als nicht Seine Nachfolger. Denn so war Er nie, sondern das Gegenteil: Jesus ließ Seine leibliche Verwandtschaft, auch Seine Mutter, draußen vor der Tür stehen. Sein letztes Pascha (und wohl auch einige andere) aß Jesus auch nicht im Kreise Seiner leiblichen Familie, sondern natürlich nur mit Seiner geistlichen. Er berief auch nur Jünger, die ihre Familien ohne Widerspruch verließen um Ihm zu folgen. Die Schweine würden aber nie ihre Eltern, Geschwister, Frauen und Kinder für den Herrn verlassen, der doch all dies fordert und noch mehr:
Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Feinde des Menschen werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. (Mt 10,35ff SCH2000)
Die Apostel sind uns hier die strahlenden Vorbilder. Sie haben wirklich alles verlassen und aufgegeben für ihren Herrn. Das sagte auch Petrus:
Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür zuteil? (Mt 19,27 SCHL2000)
Jesus lobte Seine Jünger genau dafür und versprach ihnen:
Und jeder, der Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Frau oder Kinder oder Äcker verlassen hat um meines Namens willen, der wird es hundertfältig empfangen und das ewige Leben erben. (Mt 19,29 SCHL2000)
Es geht also um nicht weniger als um das ewige Leben, wenn sich die Frage stellt, ob man die leibliche Familie gegen die geistliche eintauschen soll. Wie können dann solche seelischen Leute, die an ihrer leiblichen Familie festhalten, überhaupt noch glauben, dass sie Nachfolger Christi sind, dass sie Christen sind? Weil sie seelisch sind! Weil ihre Seele ihr Kompass ist und ihnen sagt, dass es gut und richtig so ist. Und darum verstehen sie auch viele Worte und Werte in der Schrift falsch, nämlich seelisch, irdisch, menschlich anstatt geistlich. Worte wie Glaube, Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue und Sanftmut verstehen sie so, wie ihre Seele sie verstehen möchte, nicht wie der Geist sie lehrt. Daher folgen sie dem Zeitgeist und lassen sich von ihm und der Welt prägen anstatt vom Heiligen Geist. So werden sie blind für die Wahrheit und können nichts vom Heiligen Geist verstehen. Und so können sie die Heilige Schrift gar nicht richtig verstehen. Über die Perlen ärgern sie sich höchstens.
Ein weiteres typisches Merkmal von Seelischen ist, dass sie den guten Willen gleich bewerten - oder sogar höher - als das Ergebnis. Wenn jemand das Gegenteil von dem macht, was er sagt, hört man von Seelischen meist den Satz „Aber er hat es doch nur gut gemeint!“. So ticken seelische Menschen. Von einem Geistlichen wird man das nie hören, und insbesondere nicht von Jesus, der absichtlich von dem Vater lehrte, der zwei Söhne hatte und beiden denselben Befehl gab. Am Ende fragte Jesus nicht „Wer von beiden hat es gut gemeint?“, sondern „Wer von diesen beiden hat den Willen des Vaters getan?“ (Mt 21,31). Darauf kommt es Gott Vater nämlich an: Auf den Gehorsam, nicht auf gute Absichten, die nicht zum gewünschten Ergebnis führten. Jesus erzählte das nicht ohne Grund und warnte bereits in der Bergpredigt:
Nicht jeder, der zu mir sagt: „Herr, Herr“, wird in das Königreich der Himmel eingehen, sondern der, der den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist. (Mt 7,21 JA)
Die Frage, ob der Wille des Vaters getan wurde, wird laut unserem zukünftigen Endrichter, nämlich Christus, sogar die entscheidende sein, wer in das Königreich der Himmel eingehen wird. Wenn der Teufel verhindern möchte, dass Menschen ins Königreich kommen, wie würde er das anlegen? Er würde allen einflüstern, dass man nichts tun oder schaffen brauche, sondern dass es völlig reiche, wenn man es gut meint. Und so lehren die Seelischen ihre Kinder von klein auf, dass es nicht wirklich schlimm sei, wenn sie was anstellen oder ungehorsam sind, Hauptsache sie meinten es gut. So erzieht man Menschen aber in der Gesetzlosigkeit anstatt in der Gottesfurcht. „Gut gemeint“ ist die kleine Schwester von „schlecht gemacht“, sagt man bei uns. Seelische verstehen das nicht und nennen das unmenschlich. Weil sie menschlich denken. Das ist wiederum Jesus ein Ärgernis:
Er aber wandte sich um und sprach zu Petrus: Weiche von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du denkst nicht göttlich, sondern menschlich! (Mt 16,23 SCH2000)
Die Seele jedes natürlichen Menschen (und sicher auch jene von Petrus) würde sofort „Aua!“ schreien, wenn sie sowas hört und entgegnen: „Das tut weh!“ Das ist das nächste Erkennungszeichen von seelischen Menschen: Wenn ihnen etwas in der Seele weh tut, denken sie, das muss böse sein. Doch diese Idee haben sie nicht vom Heiligen Geist eingeflüstert bekommen, sondern von einem anderen. Der Sohn Gottes hingegen betont:
Alle, die ich lieb habe, die überführe und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße! (Offb 3,19)
Die Liebe Gottes tut nun mal weh, genauso wie die Wahrheit. Weil beide überführen, zurechtweisen, züchtigen und zur Buße führen möchten. Das erklärt uns Gott in der gesamten Heiligen Schrift. Paulus erinnert seinen besten Schüler sogar daran, dass das der Grund ist, warum der Heilige Geist die Schrift eingegeben, also inspiriert hat:
Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit (2.Tim 3,16)
Wer weder belehrt, noch überführt, noch zurechtgewiesen, noch diszipliniert (das ist der eigentliche Sinn des Wortes „Erziehung“ im biblischen Griechisch) werden möchte, sollte die Heilige Schrift gar nicht lesen. Denn die Schrift will jeden zur Buße führen und zur Gerechtigkeit erziehen - allerdings zur göttlichen Gerechtigkeit, nicht zur menschlichen.
Ein Lehrer wandte sich mal von mir ab mit den Worten: „Melde dich erst wieder, wenn du menschlich geworden bist!“ Damit bekundete er nicht nur, wie menschlich er dachte und somit ein Seelischer war, ein Schwein, sondern machte mir eigentlich ein Kompliment - freilich ohne es zu wollen - denn er erkannte, dass ich göttlich denke anstatt menschlich. Das war es ja auch, was ihn an mir störte: ich beurteilte alles geistlich. Am schlimmsten war für ihn, wie ich seine Kinder, auf die er so stolz war, geistlich beurteilte und ihm erläuterte, wo sie geistlich stehen. Schon Paulus schrieb darüber:
Der geistliche [Mensch] dagegen beurteilt zwar alles, er selbst jedoch wird von niemand beurteilt (1.Kor 2,15 SCH2000)
Das ist die schmerzhafte Situation der Seelischen: Sie werden von den Geistlichen geistlich beurteilt, können aber umgekehrt die Geistlichen nicht beurteilen, weil sie gar nicht in der Lage dazu sind. Sie bilden es sich vielleicht ein, versuchen es auf ihre menschliche Art, aber schaffen es nicht, weil die menschlichen, seelischen Maßstäbe nie tauglich sind, um geistliche Menschen zu beurteilen. Die Neue evangelistische Übersetzung formulierte das in ihrer ersten Ausgabe treffend so:
Doch ein Mensch, der den Geist Gottes empfangen hat, kann das alles richtig beurteilen. Er selbst kann allerdings nicht wirklich von einem anderen beurteilt werden, der den Geist nicht hat. (1.Kor 2,15 NeÜ)
Dieses Dilemma ist zwar die beinharte Wahrheit und den Schweinen ein sehr großes Ärgernis, aber es ist nicht das Ende. Denn jeder seelische Mensch kann ein geistlicher werden. Wie das geht? Das erfahren wir im nächsten Abschnitt: