Das Wort Kyrios kommt tausende Male in der Heiligen Schrift vor und ist somit biblisch.
Das griechische Wort Kyrios (κύριος, G2962, gesprochen „kürios“ - nicht zu verwechseln mit „kurios“) finden wir 747 Mal im griechischen Originaltext des Neuen Testaments und rund 9000 Mal in der Septuaginta, dem griechischen Alten Testament der Juden zur Zeit Christi. Auf Latein wurde das Wort seinerzeit mit „Dominus“ übersetzt. Mehr als tausend Jahre später wurde es auf Deutsch mit „Herr“ übersetzt und auf Englisch mit „Lord“. Während die lateinische und englische Übersetzung immer noch gut passt, so hat der deutsche Begriff „Herr“ im letzten Jahrhundert eine signifikante Bedeutungsverschiebung erlitten.
Im heutigen deutschen Sprachgebrauch ist das Wort „Herr“ eine höfliche, distanzierte Anrede. Man grüßt auf der Straße: „Hallo, Herr Müller“. Geschäftsbriefe werden mit der Grußformel „Sehr geehrte Damen und Herren“ eingeleitet. Doch weder die Bedeutung noch die Anwendung des Wortes Kyrios war in der Antike so.
Wenn man jemand zur Zeit Jesu mit dem Wort „Kyrios“ ansprach, hat man sich damit automatisch diesem Mann unterworfen und ihn als „Herrn und Gebieter“ über sich anerkannt. Kyrios war kein Gruß auf Augenhöhe, sondern fand immer nur von unten nach oben statt. Es war ein Ausdruck von Unterordnung, der ein Autoritätsgefälle in einer klar vorgegebenen Hierarchie sichtbar macht. Oft folgte eine entsprechende Geste der Unterwerfung (siehe weiter unten).
Kyrios war ein Herrschaftstitel, den man ehrfurchtsvoll gegenüber Menschen und Gottheiten gebrauchte. Sklaven nannten ihre Sklavenhalter „Kyrios“. Noch spezieller war in diesem Zusammenhang der Begriff „Despotes“, den wir in einem eigenen Beitrag erklären (siehe Despotes). Während der Despotes die totale, uneingeschränkte Macht über sein rechtmäßiges Eigentum (Sklaven, Haus, Land) besitzt, ist der Kyrios das Haupt einer Ordnung, die oberste Instanz, aufgrund seiner Herkunft, sozialen Stellung oder politischen Autorität. Kyrios ist ein breiter Begriff, der häufig im Alltag verwendet wurde und nicht allein auf die Sklaverei beschränkt war. So nannten Kinder ihren Vater „Kyrios“, und ebenso Frauen ihren Ehemann. Das Volk nannte seinen König „Kyrios“. Und Gläubige sprachen so ihren Gott an in Gebeten und Liedern. All das finden wir sowohl im AT als auch NT. Ein paar Beispiele:
Sklavenherr
Jesus stellte klar:
Kein Schüler ist über dem Lehrer und kein Sklave über seinem Kyrios.
Vater
Jesus fragte die Pharisäer im Tempel:
Aber was meint ihr? Ein Mensch hatte zwei Kinder. Und er kam zu dem ersten und sagte: „Kind, geh heute hin; arbeite in meinem Weinberg.“ Aber er antwortete und sagte: „Ich will nicht.“ Hernach gereute es ihn aber, und er ging hin.
Und er kam zu dem zweiten und sagte ebenso. Er antwortete und sagte: „Ich [gehe] Kyrie“ und ging nicht hin.
Wer von den Zweien tat den Willen des Vaters?
Sie sagen zu ihm: „Der erste.“
Von dieser Geschichte gibt es übrigens zwei unterschiedliche Versionen. In der einen ist der erste Sohn derjenige, der den Willen des Vaters tat, in der anderen ist es der zweite. Das hängt davon ab, welche Bibel man in Händen hält. Nicht alle Bibeln folgen demselben Grundtext. Ich will hier nicht näher darauf eingehen, es aber erwähnt haben, damit nicht manche Leser hier verwirrt sind, weil in ihrer Bibel die Geschichte umgekehrt geschrieben steht.
Mir geht es hier nur um die eine Formulierung, die in beiden Versionen übereinstimmend überliefert ist: Der eine Sohn sagte: „Ich Kyrie“. Dieses „Kyrie“ ist ein eigener grammatikalischer Fall im Griechischen, der sogenannte Vokativ (Anredefall oder Ruf-Fall). Im Deutschen gibt es den nicht in Form einer eigenen Wortendung, sondern wird das durch Satzstellung und Satzzeichen ausgedrückt. „Ich [gehe], Herr!“
Jesus bezeugt uns hier so nebenbei in einem Gleichnis, dass Söhne auch noch zu Seiner Zeit ihre Väter hochachtungsvoll mit Kyrios ansprachen, sogar jene, die dem Vater am Ende nicht gehorchten. Dazu sagte Jesus an einer anderen Stelle mehr. Ich komme weiter unten darauf zurück.
Ehemann
Anders hingegen war es damals bei den Ehefrauen. Die waren längst nicht mehr so unterwürfig wie jene im Alten Testament. Beispielsweise durften römische Frauen ihren Mann verlassen und sich scheiden lassen. Das hat Gott nie einer Frau gestattet im Gesetz Moses. Und Jesus hat dieses Recht den Männern derart stark eingeschränkt, dass diese entsetzt sagten:
Wenn ein Mann solche Pflichten gegen seine Frau hat, so ist es nicht gut, zu heiraten!
Mt 19,11
Dass Ehefrauen zu Hause nicht selten die Hosen anhatten, beklagte bereits der römische Staatsmann Cato der Ältere:
Alle Männer herrschen über ihre Frauen, wir herrschen über alle Männer, aber unsere Frauen herrschen über uns.
Plutarch, Lives: Cato Major, 8.
Gegen diesen weltlichen Lauf der Gesellschaft rief der Apostel Petrus den Frauen in den apostolischen Gemeinden die Ordnung Gottes in Erinnerung:
Denn so schmückten sich einst auch die heiligen Frauen, die hoffenden auf Gott, sich unterordnend den eigenen Männern, wie Sarra gehorchte dem Abraham, Kyrios ihn rufend.
1.Petrus 3,5-6
Im Alten Testament wird nur an einer einzigen Stelle schriftlich überliefert, dass Sarra ihren Ehemann Kyrios nannte:
Sarra aber lachte und sagte bei sich: Zwar ist es mir noch nicht zuteilgeworden bis zum jetzigen Zeitpunkt, mein Kyrios aber ist schon alt.
Gen 18,12 LXXD
Diese eine Stelle ist jedoch in einer derart vertrauten Selbstverständlichkeit geschrieben, dass man daraus zweifelsfrei ableiten kann, dass es eine alltägliche Gewohnheit Sarras war, ihren Ehemann Kyrios zu nennen, sogar in Selbstgesprächen. Sarra lachte keineswegs über ihren Kyrios, sondern über die Prophetie (dass sie nämlich schwanger werden würde), die ihr angesichts ihres betagten Alters lächerlich vorkam. Und es gab zur Zeit von Petrus offensichtlich noch eine lebendige mündliche Überlieferung, die Petrus als Beleg anführen konnte, dass nämlich nicht nur die eine Frau Sarra, sondern „die heiligen Frauen“ (im Plural!) sich genauso ihren Männern unterordneten und gehorchten. Damit konnte Petrus die Frauen in den christlichen Gemeinden wieder zu dieser alten Ordnung zurückrufen.
Tatsächlich ist der Titel Kyrios der Inbegriff von Gottes Ordnung. Er schafft Ordnung durch Unterordnung im Gehorsam. Das ist Gottes Konzept, das sich durch die gesamte Schöpfung und Menscheitsgeschichte zieht. Die gehorsame Unterordnung der Frau ist ein Thema in den apostolischen Briefen, das die Apostel wiederholt lehren und einfordern mussten. Gute Vorbilder dazu finden wir im Alten Testament: Neben der oft zitierten Sarra wären da beispielsweise auch noch Rebekka, Esther, Abigaia, Bersabee bis hin zu jener unglücklichen Nebenfrau eines Leviten, die zu Tode geschändet wurde. Zuvor lief sie ihrem Mann davon. Nachdem er sie zurück geholt hatte, wird er in der Schrift ausdrücklich „ihr Kyrios“ genannt (Ri 19,26).
König bzw. Kaiser
Der Statthalter Festus war wegen Paulus ratlos und sagte:
Ich weiß jedoch dem Kyrios nichts Gewisses über ihn zu schreiben.
Mit „dem Kyrios“ meinte Festus ehrfurchtsvoll seinen Kaiser in Rom.
Im Alten Testament ist es normal, dass Könige von ihren Untergebenen mit dem Titel Kyrios angesprochen werden.
Beispielsweise macht das Joab, der große Feldherr Israels:
Und Joab fiel auf sein Angesicht auf die Erde und verneigte sich vor ihm [David] und segnete den König, und Joab sagte: Heute habe ich, dein Diener, erkannt, dass ich Gnade gefunden habe in deinen Augen, mein Kyrios König.
2. Kön [Sam] 14,22
Oder Abessalom, der Sohn von König David:
Und er kam zu dem König hinein und verneigte sich vor ihm und fiel auf sein Angesicht auf die Erde vor dem König, und der König küsste den Abessalom.
2. Kön [Sam] 14,33
Dies ist ein Wink in Richtung der immer beliebter werdenden Bewegung unter Christen, die sich erhobenen Hauptes „Königskinder“ nennen. Wir haben hier (und an anderen Stellen im AT) bezeugt, dass sich auch die Königskinder unterwürfig verneigen müssen vor ihrem Vater und König. Abessalom war übrigens ein Rebell, der wiederholt seinem Vater David Kummer bereitete und sogar versuchte, das Königtum an sich zu reißen. Am Ende bezahlte er das mit dem Tod. Übrigens galt dasselbe für die Königinnen. Auch sie warfen sich vor ihrem Kyrios und König, der ihr Ehemann war, demütig zu Boden. Wir lesen das sogar von mächtigen Königinnen wie Esther oder Bersabee (Batseba).
Oder die außerordentlich kluge Abigaia:
Und Abigaia sah David und beeilte sich und stieg vom Esel ab und fiel vor David auf ihr Angesicht und verneigte sich vor ihm auf die Erde zu seinen Füßen und sprach: Bei mir, mein Kyrios, liegt das Unrecht. Deine Magd rede zu deinen Ohren, und du höre das Wort deiner Magd. Mein Kyrios soll sein Herz nicht gegen diesen schändlichen Menschen richten, denn wie er heißt, so ist er: Nabal (Tor) ist sein Name, und Torheit ist mit ihm. Und ich, deine Magd, habe deine jungen Leute nicht gesehen, die du gesandt hast. Und nun Kyrios, so wahr der Kyrios lebt und deine Seele lebt: Wie dich der Kyrios daran gehindert hat, zu unschuldigem Blut zu kommen und deine Hand, dir selbst zu helfen, so mögen jetzt wie Nabal werden deine Feinde und diejenigen, die meinem Kyrios schaden wollen. Und nun nimm diese Segensgabe, die deine Magd meinem Kyrios gebracht hat, und du sollst davon deinen jungen Leuten geben, die mit meinem Kyrios sind. Nimm weg die Verfehlung deiner Magd, denn der Kyrios wird meinem Kyrios gewiss ein beständiges Haus bereiten, denn mein Kyrios führt den Krieg des Kyrios, und eine Schlechtigkeit wird niemals gefunden werden bei dir. Man wird zwar aufstehen, dich zu verfolgen und dir nach dem Leben zu trachten, doch das Leben meines Kyrios wird eingebunden sein in das Bündel des Lebens bei Gott, dem Kyrios, und das Leben deiner Feinde wirst du fortschleudern mit der Schleuder. Und es wird so sein, dass der Kyrios meinem Kyrios alles tun wird, das er zu dir an Gutem geredet hat, und der Kyrios wird dich einsetzen zum Herrscher über Israel.
1. Königtümer [Sam] 25,23-30 LXXD
Das sind prophetische Worte Abigaias. Sie erkannte, dass David der von Gott gesalbte und eingesetzte König war, schon Jahre bevor er offiziell gekrönt wurde. Und sie bewahrte mit dieser weisen Rede den David vor einem großen Fehler. Als Dank dafür nahm David sie umgehend zur Frau, nachdem ihr Gatte Nabal, der „Tor“, verstorben war. Aber noch etwas fällt in dieser Rede auf: Abigaia nennt einerseits David „meinen Kyrios“, vor dem sie sich ehrfürchtig zu Füßen wirft. Andererseits nennt sie im selben Satz auch Gott, „den Kyrios“! Man muss ihr gut zuhören, um zu wissen, von welchem Kyrios sie gerade spricht: David oder Gott? Das war nicht unüblich damals und führt uns zum nächsten Punkt:
Gott
Am allerhäufigsten wird in der Heiligen Schrift Gott selbst mit dem Titel „Kyrios“ angesprochen. Das haben die 70 Ältesten, die seinerzeit die Septuaginta übersetzt haben und nach denen sie mit dem Kürzel LXX (70) benannt ist, im Heiligen Geist entschieden. Sie übersetzten verschiedene hebräische Begriffe (Adonai, JHWH, Sabaoth und evtl. auch andere) mit dem einen griechischen κύριος (Kyrios) und prägten damit nicht nur das Verständnis und den Gebrauch dieses Wortes für Millionen von Juden und Christen seither, sondern auch das Gottesbild. Jesus und Seine Apostel folgten dieser Tradition treu und setzten sie im Neuen Testament fort.
Eine besonders lehrreiche Stelle in dem Zusammenhang ist jene, wo Jesus die Pharisäer fragte:
„Was denkt ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er?“
Sie sagten zu ihm: „Davids“.
Er spricht zu ihnen: „Wieso nennt ihn denn David im Geist »Kyrios«, indem er spricht: »Der Kyrios hat zu meinem Kyrios gesagt: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege als Schemel für deine Füße«? - Wenn also David ihn Kyrios nennt, wie kann er dann sein Sohn sein?“
Und niemand konnte ihm ein Wort erwidern. Auch getraute sich von jenem Tag an niemand mehr, ihn zu fragen.
Mt 22,42-46
Jesus zitiert den Pharisäern den Psalm 109 aus der Septuaginta und setzt alles das Wissen voraus, das wir bisher über das Wort Kyrios erarbeiteten: Mit Kyrios spricht man immer eine Autoritätsperson an, die über einem steht. Es wird immer nur von unten nach oben gesprochen. Jesus verwendet Kyrios genauso in dem einen Satz zweimal.
Mit dem ersten Kyrios bezeichnet Er damit Gott selbst. Daran erkennen wir übrigens, dass Jesus die griechische Septuaginta zitiert. Denn im derzeit weit verbreiteten hebräischen Masoretentext steht nicht κύριος (kyrios) sondern יהוה (JHWH), was heute meist als „Jahweh“ oder „Jehova“ gedeutet wird.
Das zweite Kyrios verweist laut Jesus auf den Christus. Die Pharisäer widersprechen nicht, soweit können sie Jesus folgen. Aber - und das ist der Hinweis von David, den die Pharisäer bislang offenbar verpasst hatten - das Wort »Kyrios« spricht nie ein Vater zu seinem Sohn. Es findet nur umgekehrt statt, denn der Vater steht in der Hierarchie über dem Sohn. Und so kommt Jesus zu der alles entscheidenen rhetorischen Frage: „Wenn also David ihn Kyrios nennt, wie kann er dann sein Sohn sein?" Die einzig richtige Antwort kann nur lauten: „Gar nicht!“ Der Christus kann nicht Davids Sohn sein, wenn David ihn „Kyrios“ nennt. Diese Logik versteht man nur, wenn man die Sprachlogik kennt, die hinter dem richtigen Gebrauch des griechischen Wortes Kyrios steckt. Die Pharisäer verstanden das. Es war offenbar so niederschmetternd peinlich für sie, als ihnen bewusst wurde, wie wenig sie über die wahre Bedeutung von dem Wort nachgedacht hatten, dass sie kein Wort mehr darauf erwidern konnten. Sie suchten auch nicht mehr nach Ausreden und Ablenkungsmanövern. Jesus demütigte die höchsten Schriftgelehrten an jenem Tage so sehr, dass sich von jenem Tag an niemand mehr von ihnen getraute, Ihn zu fragen. Und alles steht und fällt mit dem richtigen Verständnis des Wortes „Kyrios“.
David sprach es „im Geist“, betonte Jesus. Es ist also vom Heiligen Geist eingehaucht. Der Psalm 109 (nach der Zählung des Masoretentextes ist es die Nummer 110) ist übrigens der meistzitierte Psalm im Neuen Testament. Kein Zufall.
„Aber halt!“, höre ich jetzt einige rufen, „David schrieb doch nicht griechisch und also auch nicht »Kyrios«! Wieso kann Jesus dann auf ein griechisches Wort Seine ganze Beweisführung aufhängen?“
Wäre das ein kluger Einwand, hätten ihn wohl die Pharisäer vorgebracht. Aber sie wussten, dass die griechische Septuaginta genauso Gottes Wort ist wie der originale hebräische Text, von dem die Septuaginta ja übersetzt wurde. Für die damaligen Juden galt die Septuaginta als von Gottes Geist inspiriert und darum konnte Jesus behaupten, dass David den Christus »Kyrios« nennt, und zwar „im Geiste“. Das wird heute oft übersehen. Es könnte aber auffallen, dass im Neuen Testament kein einziger Pharisäer, Sadduzäer oder sonstiger Schriftgelehrter je mit Jesus über ein griechisches Wort streitet. Sie alle akzeptieren Seine griechischen Zitate aus der Septuaginta als authentisch und zuverlässig. Ja, sie lassen sich damit sogar belehren, überführen und zurechtweisen - ganz so wie Paulus dem Timotheus einschärfte:
Alle Schrift ist gottgehaucht und nützlich zum Lehren, zum Überführen, zum Zurechtweisen …
Jesus hat den Pharisäern an diesem Tag also bewiesen, dass David schon in dem Psalm prophezeite, dass der Christus kein normaler Nachkomme Davids ist, sondern Gott. Denn David nannte ihn „mein Kyrios“ und hat sich damit automatisch dem Christus unterworfen. Ein König David hat keinen Kyrios als nur Gott, der als einziger über ihm steht. Und das ist den Juden bis heute ein Dorn im Auge, denn nach ihrer Schriftinterpretation ist der Christus (oder Messias, wie sie ihn heute lieber nennen), auf den sie warten, nur ein Mensch und Sohn Davids.
Doch Jesus ging noch einen Schritt weiter indem Er eine noch brisantere Formulierung auf sich bezog:
Der Sonderfall
In der Bergpredigt warnt Jesus:
Nicht jeder, der zu mir sagt: „Herr, Herr“, wird in das Königreich der Himmel eingehen, sondern der, der den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist.
Als ich das erste Mal die Bibel las, fiel mir rasch auf, dass im Neuen Testament oft die Formulierung „Herr Jesus“ steht. Anfangs verstand ich das als gewöhnliche höfliche Anrede, so wie man sie heute aus dem Alltag und aus Romanen kennt. Aber als ich zum ersten Mal dieses „Herr, Herr“ las, war ich ratlos. Was soll das sein? Ein Doppeltitel ohne Name? Oder doch ein Name? Müsste es nicht richtiger „Herr Jesus, Herr Jesus“ heißen? Und wieso denkt Jesus überhaupt, dass man Ihn anstatt mit Seinem Namen mit einem doppelten Titel ansprechen würde? Ich kannte niemand, der „Herr, Herr“ zu Jesus sagte. Und wieso sollte jemand glauben, dass er nur deswegen in den Himmel käme, weil er „Herr, Herr“ zu Jesus sagt? Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn sie diesen Vers lesen, aber ich war Jahre lang - um nicht zu sagen Jahrzehnte lang - verwirrt und ratlos wegen dieser Ansage Jesu. Sie erschien mir unlogisch, unmotiviert und realitätsfern. Hinzu kommt, dass sie in allen Bibeln so steht. Es ist also kein Problem der Übersetzung oder des Grundtextes.
Erst als ich begann die Septuaginta Deutsch zu lesen, ging mir ein Licht auf. Dort las ich das letzte Gebet des weltberühmten Sampson:
Herr, Herr, denke an mich und gib mir doch Kraft nur noch dieses eine Mal, und ich will eine einzige Rache nehmen für meine zwei Augen an den Andersstämmigen!
Ri 16,28 LXXD
Und ich las, wie Mose zu Gott flehte, dass er vielleicht doch noch das gelobte Land betreten dürfe:
Zu jener Zeit bat ich den Herrn: »Herr! Herr! Du hast begonnen, deinem Diener deine Stärke und deine Macht und die starke Hand und den erhobenen Arm zu zeigen. Welcher Gott ist nämlich im Himmel oder auf der Erde, der handeln wird, wie du gehandelt hast, und mit deiner Kraft? Dürfte ich hinübergehen, würde ich dieses gute Land sehen, das jenseits des Jordans ist, diesen guten Berg und den Antilibanon.«
Aber der Herr beachtete mich euretwegen nicht und hörte nicht auf mich.
Dtn 3,23ff LXXD
Und ich las wie sich der berüchtigte griechische Herrscher Antiochos anschickte den Tempel in Jerusalem zu entweihen. Der Hohepriester in Jerusalem erflehte im Tempel Gottes Hilfe mit folgendem Gebet:
Herr Herr, König der Himmel und Gebieter der ganzen Schöpfung, Heiliger unter Heiligen, Alleinherrscher, Allmächtiger, achte auf uns, die wir unterdrückt werden von einem Unheiligen und Gottlosen, der sich brüstet mit Kühnheit und Heeresmacht. Denn du, der Schöpfer des Alls und des Weltalls Gebieter, bist ein gerechter Herrscher und richtest die, die etwas in Überhebung und Stolz tun…
3. Makk 2,2f LXXD
Das Gebet geht noch lange weiter und gipfelt darin, dass Gott es am Ende erhört indem Er ein Strafgericht über Antiochos hereinbrechen lässt.
An allen diesen Stellen, die auf Deutsch »Herr! Herr!« übersetzt sind, steht in der LXX auf Griechisch Κύριε Κύριε (Kyrie Kyrie). Das ist der bereits oben erläuterte Vokativ Kyrie, aber verdoppelt! Es ist ein ganz spezieller Fall, der in der Septuaginta ein paar dutzend Male vorkommt. Allerdings ausnahmslos, wenn Gott eindringlich angerufen wird. Es geht also immer um eine Anrufung Gottes! Wenn man das verstanden hat, kann man so eine beachtliche Kontinuität im griechischen Alten Testament von Mose über die Richter, Könige, Psalmen und Propheten bis hin zu den Makkabäern sehen, die im Neuen Testament fortgesetzt wird bis zu Jesus. Und spätestens hier sollten auch die Stimmen verstummen, die einwenden wollen, dass Mose, David & Co nicht griechisch sprachen sondern hebräisch. Denn die Makkabäerbücher und andere Spätschriften des Alten Testaments sind ursprünglich auf Griechisch geschrieben und bezeugen uns, dass die Juden auch in Jerusalem griechisch sprachen, lasen und zu Gott beteten - sogar der Hohepriester im Tempel. So wie auch Jesus bei der oben zitierten Ansage aus der Bergpredigt exakt diesen griechischen Begriff „Kyrie Kyrie“ verwendete! Jesu Zuhörer kannten diese Anrede aus der Septuaginta (und vielleicht aus ihrer persönlichen Gebetspraxis) und wussten, dass damit nur Gott angerufen wird.
Jesus bezieht diese Anrede nun aber auf sich und sagt damit eigentlich, dass Er der Gott ist, vor dem am Ende die Menschheit stehen und „Kyrie Kyrie“ flehen wird. Aber nicht alle werden erhört werden! Weiter oben habe ich ein Gebet Moses zitiert, das auch mit „Kyrie Kyrie“ anfing, aber von Gott nicht erhört wurde! „Kyrie Kyrie“ ist schließlich keine Zauberformel mit Garantie auf Wirkung. Es braucht mehr, nämlich den Gehorsam, den der Kyrios einfordert. Genau darauf weist Jesus hin:
Nicht jeder, der zu mir sagt: „Kyrie Kyrie“, wird in das Königreich der Himmel eingehen, sondern der, der den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist.
Später erinnerte Jesus Seine Jünger nochmals daran:
Was nennt ihr mich aber »Kyrie Kyrie« und tut nicht, was ich sage?
Wenn ein Kyrios etwas sagt, dann erwartet er, dass es auch von seinen Untergebenen getan wird! Das ist schon bei jedem menschlichen Kyrios selbstverständlich. Umso mehr hier, wo Jesus wieder die exklusive Gottes-Anrufung »Kyrie Kyrie« auf sich anwendet. Damit war damals für alle griechischsprachigen Zuhörer der Zusammenhang klar. Das ist die Anrede Gottes, wenn man etwas von Gott will. Und so sprachen offensichtlich die Jünger schon damals Jesus an, als Er noch in Menschengestalt unter ihnen wandelte. Jesus kritisiert das nicht und weist es auch nicht von sich mit Worten wie „sagt nicht »Kyrie Kyrie« zu mir, denn ich bin nicht Gott“. Nein, ganz im Gegenteil, Jesus ließ oft Worte und Gesten in Seine Richtung zu, die allein Gott gebühren. Menschen fielen wiederholt huldigend vor Jesus nieder. Er hat das nie unterbunden. Auch hier nicht. Vielmehr rügt Er Seine Jünger dafür, dass sie nicht den geforderten Gehorsam bringen. Sie nennen Jesus zwar »Kyrie Kyrie«, gehorchen Ihm aber nicht! Das ist der Punkt. Das wird auch heute oft übersehen und war schon die Pointe bei Jesu Gleichnis mit den zwei Söhnen: Es reicht nicht, nur brav »Kyrie« zu sagen. Am Ende zählt, wer den Willen des Vaters getan hat.
Ohne den erforderlichen Gehorsam nützt die Anrede »Kyrie Kyrie« oder »Herr, Herr!« gar nichts. Es nützt das Bekenntnis nichts ohne Gehorsam. Und es braucht die Erkenntnis im Glauben. Diese fehlte Thomas bis zu jenem Tag:
Und nach acht Tagen waren seine Jünger wiederum drinnen, und Thomas war bei ihnen. Da kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt in ihre Mitte und spricht: Friede sei mit euch! Dann spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
Und Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Kyrios und mein Gott!
Jesus spricht zu ihm: Thomas, du glaubst, weil du mich gesehen hast; glückselig sind, die nicht sehen und doch glauben!
Wir gehören heute zu denen, die nicht sehen und doch glauben. Denn Jesus wandelt nicht mehr als Mensch unter uns, wir sehen Ihn nicht mehr. Aber wir haben Seine Zeugen, die uns lehren, so wie Er sie unterwiesen hat:
Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Weltzeit! Amen.
Das ist der Lehrplan Christi. Er hat „alle Macht im Himmel und auf Erden“ und ist damit Gott. Die Dreieinigkeit aus Vater, Sohn und Heiligem Geist ist Voraussetzung für die Anweisung, alle Völker zu taufen und zu lehren, alles zu halten, was Jesus, der Kyrios, befohlen hat. Welch starke Aussage!
Die Offenbarung des Johannes ist gespickt mit Titeln von Jesus in Superlativen:
Diese werden mit dem Lamm Krieg führen, und das Lamm wird sie überwinden, weil es Kyrios Kyrion und König der Könige ist, und die, die mit ihm sind, sind Gerufene und Erwählte und Treue.
Traditionell wird Kyrios Kyrion (Κύριος κυρίων) mit „Herr der Herren“ übersetzt. Alles gipfelt im letzten Kapitel in der wiederholten Zusage, dass Er wiederkommen und mit den Menschen abrechnen wird:
Und er sagte zu mir: Diese Worte sind treu und wahrhaftig. Und der Kyrios, der Gott der heiligen Propheten, sandte seinen Engel, um seinen Sklaven zu zeigen, was mit Schnelligkeit geschehen muss.
Wer ungerecht ist, sei fernerhin ungerecht, und wer unsauber ist, sei fernerhin unsauber. Und wer gerecht ist, werde fernerhin gerechtfertigt, und wer heilig ist, werde fernerhin geheiligt.
Und - siehe! - ich komme schnell, und mein Lohn ist bei mir, um jedem zu vergelten, wie sein Werk sein wird.
Ich bin das Alpha und das Omega, Anfang und Ende, der Erste und der Letzte.
Selige sind die, die seine Gebote tun! - damit ihr Anrecht sein wird an dem Baum des Lebens und sie eingehen durch die Toreingänge in die Stadt.
ICH, Jesus, schickte meinen Engel, euch diese Dinge zu bezeugen für die Gemeinden. ICH bin die Wurzel und der Spross Davids, der helle Morgenstern.
Der, der diese Dinge bezeugt, sagt: „Ja, ich komme schnell“.
Amen! Ja! Komm, Kyrie Jesus!
Jesus ist also der Kyrios, der mit einem klaren Befehl an Seine Gemeinde die Erde verlassen hat und wiederkommen wird, um sich das Ergebnis ihres Gehorsams und ihrer Treue anzusehen: die Werke. Wer das eine leugnet, leugnet das andere. Und die Gemeinde, die beides bekennt, betet: „Komm, Kyrie Jesus!"
Ob nun aber wirklich „Herr“ die beste deutsche Übersetzung für Kyrios ist, hängt davon ab, wie man es versteht. „Gebieter“ wäre in jedem Fall eindeutiger und treffender. Und so lade ich alle Leser ein, jede Stelle in ihrer Bibel, wo „Herr“ steht, innerlich mit „Gebieter“ zu lesen. Das könnte Ihr Glaubensleben auf den nächsten Level heben. Und wenn Kinder wieder damit beginnen, ihren Vater „Gebieter“ zu nennen und ebenso christliche Frauen ihren Ehemann, was würde das für eine Auswirkung auf das Familienleben und die christliche Gemeinde haben?
Mir ist bewusst, dass meine vorigen Worte für manche ironisch oder komisch klingen könnten. Welche Frau will heute noch ihren Ehemann „Gebieter“ nennen und welches Kind so seinen Vater? Haben wir das nicht längst hinter uns gelassen und betrachten das als menschlichen Fortschritt? So sehen das jene, die dem Zeitgeist folgen. Damals wie heute. Aber gegen den Zeitgeist lehrten Jesus und Seine Apostel. Davor schon die Propheten. Und sie alle wurden verspottet. In den Ohren der Zeitgeistmenschen klingen sie lächerlich. Aber Christen sollten auf Christus hören, nicht auf den Zeitgeist. Wir müssen zurückkehren zum richtigen Verständnis der Originalbotschaft. Und das bleibt nicht bei der Theorie stehen, sondern muss sich in der Praxis zeigen. Befolgen wir die Worte und Anweisungen unseres Kyrios Jesus und Seiner Apostel, oder bewundern wir sie nur?